Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 758 (sequence 2)
- Language
- German
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758 Besprechungen. jüdischen Häuslichkeit. An ihrer Hand führt uns die Verfasserin durch* den wechselvollen Reigen eines Festjahres in ihrem Elternhause. Das Auge blickt in eine für uns westeuropäische Juden fast versunkener Welt. Von eigenartigem Reiz umflossen, leuchtet uns ihr Bild entgegen, über das der Strom der Gegenwart hinwegrauscht. Anschauungen und Gebräuche, die in unsere Zeit oft unvermittelt und befremdlich hineinzuragen scheinen, sind hier eine in sich geschlossene Einheit, zeigen vollste Harmonie zwischen Lehre und Leben- Die. Erfüllung der religiösen Vorschriften verursacht keine Umstände und Beschwerlichkeiten, sie ist zu gern gepflegter, lieber Sitte geworden, die keiner missen möchte, weil er sie sich nicht fortdenken kann aus seinem Leben. Erst Jahrzehnte nach dem Beginn der Aufklärungsperiode bei den deutschen Juden begann deren Einzug bei den russischen. Glaubensgenossen. Und auch hier wiederholte sich das gleiche Schauspiel. Sie brachte ganz neue Sorgen und Zweifel in die Gemeinschaft. Wie fremdartig, blendend und verwirrend sie auf das jüdische Volksgemütwirkte, wie sie die Alternden abstieß und die Jungen anzog, das schildert uns Pauline Wengeroff im weiteren Verlauf ihrer Aufzeichnungen. Sie spricht mit Begeisterung von der Idee der großzügigen; Reformen, die in der letzten Hälfte der Regierung Nikolaus I. die geistige und physische Reorganisation der litauischen Juden herbeiführte. Ein europäisch gebildeter Jude, Dr. Lilienthal aus Riga, wurde von der Regierung dazu ausersehen, die neue Botschaft den armseligen, unkultivierten Glaubensbrüdern zu vermitteln. Er kam nach Brest, Wilna und anderen Orten und schilderte den Jünglingen ihre Zukunft als gebildete Männer, die, auf religiösem Gebiete den väterlichen Gesetzen treu, im kulturellen Leben aber ganz neue Bahnen wandeln sollten. Natürlich wurde dieser Gedanke vielfach mit Mißtrauen aufgenommen, da er die Einrichtungen antastete, die dem Volke die wichtigsten waren, nämlich das Cheider und die Jeschibalu Andererseits war die ärmliche Jugend durch viele Geschlechter in diesen Bildungsstätten zu einer, wenn auch einseitigen, doch außerordentlich hohen Intelligenz herangebildet worden und bot somit in ihrem ernsten Streben nach Wissen einen gut vorbereiteten Nährboden für die vom Staate gewünschten Neuerungen. Darum kostete, es verhältnismäßig wenig Zeit und Mühe, sie zu verbreiten. Es wehte, wie ein befreiender Hauch durch das Gemüt der russischen Juden, und die Verfasserin erzählt uns aus ihrem eigenen Lebenskreise heitere und ernste Begebenheiten, welche diesen Umschwung veranschaulichen. Sie gewährt uns bei dieser Gelegenheit überhaupt einen. danlceswerten Einblick in das Leben des Cheiders und der Jeschibah,,