Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Michael Sachs
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 390 (sequence 6)
- Language
- German
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390 Michael Sachs, Hoffnungen und Zielen, mit seiner eigenartigen Geisteswelt, seinen heiligen Lehren, seinen ernsten Geboten und strengen Formen. In Mendelsohn selbst waren diese beiden Bildungsformen friedlich vereint gewesen, oder richtiger, sie hatten in ihm ruhig nebeneinander gewohnt. Ihre Verschiedenheit aber trat allmählich in aller Schärfe hervor und wurde einer großen Anzahl von namhaften Vertretern der alten, wie der neuen Geistesrichtung zu einem förmlichen Gegensätze. Jenen erschien die neue Geistesrichtung als ein drohender und gefährlicher Feind des religiösen Lebens, und sie suchten ihn von sich und den Ihrigen so fern wie möglich zu halten. Und die Anhänger der neuen Bildung und des modernen Lebens waren von deren Wert und Größe vollständig eingenommen und hatten wenig Verständnis und Ehrerbietung, wenn nicht gar Abneigung und Haß gegen das, was ihren Vätern heilig gewesen und ihnen nur ein Vermächtnis von diesen war. So brachte die neue Zeit Auflösung und Verwirrung in die seitherigen Lebensanschauungen und religiösen Verhältnisse der Juden. Die Dinge gingen wohl ihren gewöhnten Gang weiter, aber die treuen Anhänger des Judentums konnten nur mit Sorgen und Befürchtungen der Zukunft entgegensehen. Die Unsicherheit über das, was diese bringen werde, fand ihren Ausdruck darin, daß in namhaften Gemeinden, wie in B e r 1 i n, Fra n k f u r t, P r a g die freiwerdenden Rabbinatssitze nicht mehr definitiv besetzt wurden, und daß an die Stelle der früheren Oberrabbiner Stellvertreter traten, die über die Schwäche ihrer Wirksamkeit und das geringe Maß ihrer Geltung und ihres Einflusses sich keiner Täuschung hingeben konnten und deshalb auch auf die Durchführung wohlbegründeter Pläne und Maßnahmen verzichten mußten. Auch die zu Ende gehende Periode des alten Rabbinertums hat Männer hervorgebracht, deren wahrhafte Religiosität, Geist und Gelehrsamkeit nicht nur ihre Schüler und