Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Satire in der jüdischen Literatur
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 284 (sequence 28)
- Language
- German
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284 Die Satire in der jüdischen Literatur. unterrichtet wurde. Die Liebe zündete wie ein Blitz in den Herzen des jüdischen Schlossers und seiner jungen Nachbarin, deren Eltern am meisten gegen die Schlosserei und besonders gegen die Errichtung des Blitzableiters geeifert hatten. Die Liebe verklärt bei Kompert die Schäden des Ghetto und zeigt sie uns in milderem Lichte. Sie schlägt auch die Brücke zwischen dem Ghetto und der Welt außerhalb und wird zur Versöhnung der Menschen führen. Diese Liebe tritt in den Erzählungen von Karl Emil Franzos nicht mit der ihr eigenen versöhnenden Kraft auf. Die Fehler der Leute der Judengasse erscheinen bei ihm in ihrer häßlichsten Gestalt. Der Humor, mit dem er sie schildert, gibt ihnen ein abschreckendes Aussehen. Wir haben es bei ihm freilich mit der polnischen Judengasse zu tun. Alle seine Erzählungen in den »Kulturbildern aus Halbasien,« soweit sie die Juden betreffen, sind eine einzige große Satire auf die Juden in Barnow, die Verkörperung des polnischen Ghetto mit seinem Schmutze, seiner geistigen Barbarei, seinem Aberglauben, seinem mangelhaften Jugendunterrichte und seiner Unvernunft in der frühzeitigen Eheschließung und dem daraus folgenden sozialen Elend. Der letzte Satiriker auf den ich kurz hinweise, ohne auf seine Werke näher einzugehen (vgl. Näheres; Groß, Zeitung des Judentums, a. a. 0.), ist Zangwill, der in seinem in englischer Sprache verfaßten Buche »Kinder des Ghetto« die sozialen und religiösen Verhältnisse der Londoner Juden satirisch beleuchtet. Sein Buch ist ein getreues Spiegelbild der verschiedenen Gegensätze, die nicht nur das englische sondern auch das gesamte Judentum bewegen.