Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 52 (1908)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Juden in neuen Romanen
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 239 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829811-2829814-2888210--36121-2888339- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Analekten. 239 der keineswegs nur ein Trottel ist, in einer längeren Rede folgende Sätze aussprechen: »Auf Goethe folgten die Romantiker — Heinrich Heine. Jene sind vergessen, dieser hat sich mächtig durchgesetzt bis auf den heutigen Tag. Die Juden, obwohl in ihren Kreisen am frühesten umfassende Versteher Goethes und auch der Romantiker waren, haben, und niemand darf sie verständigerweise deswegen tadeln, den Mann ihres Blutes erhoben. Brentano, Novalis, Eichendorff, Mörike, um nur einige von denen zu nennen, die größere und reinere Dichter waren, als Heinrich Heine, sind neben diesem in den Augen des Publikums verblaßt. Darin drückt sich zweifellos eine Schwächung national-künstlerischen Empfindens der Deutschen aus. Ich sage beileibe nicht, daß das deutsche Volk sich dem Dichter Heine hätte verschließen sollen, weil er ein Jude war; ich erblicke vielmehr ein Symptom nationaler Schwäche auch darin, daß gewisse Kreise sich gegen diesen bedeutenden Dichter seiner Abstammung wegen aufgelehnt haben. Der deutsche Geist braucht den jüdischen nicht zu fürchten als ein gefährliches Gift, er kann ihn vielmehr rechf wohl brauchen als eine Art Stimulans. Aber die Diktatur des Judentums in Sachen des deutschen literarischen Geschmackes ist nicht weniger eine Schmach des Jahrhunderts als der Antisemitismus.« Ich glaube nicht, daß es nötig ist, diese Sätze im Einzelnen zu bekämpfen. Sie richten sich eigentlich selbst. Denn wer so kurzsichtig ist zu sagen, daß die Romantiker vergessen sind, — die Romantiker, denen sich gerade jetzt eine fast unverständliche Sympathie zuwendet ■— der zeigt durch eine solche Behauptung, daß er von der literarischen Bewegung, wie sie augenblicklich existiert, nicht die richtige Vorstellung besitzt. Und wieviel Verblendung gehört dazu, trotz des großen Prozentsatzes, den die Juden vielleicht innerhalb der deutschen Kritik und auch in der produktiven Literatur einnehmen, von einer