Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 568 (sequence 27)
- Language
- German
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568 Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe. des jüdischen Vol kslebens ihrer Zeit in seinen privaten und inTseinen öffentlichen Verhältnissen, in seinen politisehen und seinen religiösen Bewegungen, in Haus und Tempel, in Synagoge und Schule. Auch die Apostelgeschichte zeigt eine im Allgemeinen richtige Kenntnis der Zeit, die sie behandelt. Ihr sind die Parteien der Pharisäer und Sadduzäer und der Streitigkeiten bekannt. Sie kennt auch den Namen und die Art des bedeutendsten Schriftgelehrten jener Tage, des Rabban Gamaliel, und bezeichnet Paulus als seinen Schüler (22, 3). Dagegen finden wir in den paulinischen Briefen fast gar keine Beziehungen zu dem, was den Kreis bewegte, dem der angebliche Schreiber der Briefe entstammte. Wir erfahren nichts über die Verhältnisse der Zeit, in der er lebte und wirkte, nichts über die für die Juden so ereignisreichen Jahre von 35—65. Auch ihre Kenntnis vom Judentum ist keine größere als die, die ein jeder Leser der Bibel aus ihr sich selbst erwerben konnte. Von einer gründlichen Kenntnis der S c h ri f t, oder gar von G e 1 e h r s am ke i t und Kenntnis desjenigen, was in den Schulen der Juden außerhalb und innerhalb Palästinas gelehrt wurde, kann bei den paulinischen Briefen keine Rede sein. Das innere Leben der christlichen G em ein den, von denen sie sprechen, tritt in einer Fülle persönlich er Einzelheiten uns entgegen, ein bestimmter Z eitcharakter fehlt jedoch auch ihnen. Jedenfalls aber weist ihre ausgebildete Organisation und manche bereits bestehenden kirchlichen Einrichtungen über die ersten Jahre nach ihrer Gründung hinaus und viel eher in das zweite Jahrhundert wie in die letzten Jahrzehnte des ersten1). 1) Vgl. Steck a. a. O. 266 ff. van Manen S. 155 ff. (Schluß folgt).