Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 404 (sequence 10)
- Language
- German
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404 Zur Geschichte und Charakteristik der paulinischen Briefe. brachte Nächte in den Abgründen des Meeres zu; predigte bei Tag und arbeitete bei Nacht, wurde überlaufen, wo er war, und während er vor klugen Leuten oft beim Reden dastand voll Furcht und Zittern, schrieb er an ferne Oemeinden Briefe, deren Geistesgewalt und Tiefsinn man damals wie heute unmittelbar empfand. Diese B r i e f e freilich sind in sich vielfach widerspruchsvoll und spranghaft wie ihr Verfasser. Wie sollten nur galatische Teppichweber und griechische Sklaven diese alttestamentlichen Beweisführungen verstehen, wie sollten die geringen Leute den Gedankengängen und Gedankensprüngen, diesen pointierten Antithesen und Anspielungen folgen, denen man bei mühsamer Forschung und Anwendung aller sprachlichen Mittel kaum nachzudenken vermag. In diesen Briefen rät er den Römern an, was er bei den Galatern verflucht; schilt und umarmt er die Korinther in demselben Atem, dankt er für genossene Unterstützung und weist sie mit Entrüstung von sich.« Man sollte meinen, diese Gegensätze seien so groß und ihrer so viel, daß sie meinem Menschen keinen Platz haben, daß sie zu der Annahme drängen, nur in einer Anzahl verschiedenartiger Schriften, die e i n Name vereinigt, könnten sie neben einander sich finden. Aber hier, hat wirklich das schöne Wort des Korintherbriefes sich bewährt, »die Liebe erträgt alles, glaubt alles«. In der Bewunderung für ihren Helden, den besten Zeugen für das Leben und die Wirksamkeit Jesu, den Mann, an dessen Namen die Trennung des Christentums vom Judentum und seine e i g e n a r tig e Entwickelung sich knüpft, haben die modernen protestantischen Theologen, insbesondere Baur, Holsten, Weizsaecker, Hausrath, Pfleiderer, Holtzmann die Unebenheiten gerade zu machen, die Widersprüche zu lösen, die klaffenden Lücken auszufüllen gesucht. Mit großer psychologischer Kunst haben sie die seltsamen Gedankengänge, die aus den Briefen