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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1907-01-01 · Heft 4 · p. Seite 394

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
51 (1907)
Issue
Heft 4
Article
Biblische und babylonische Religion
Date
1907-01-01
Page
Seite 394 (sequence 10)
Language
German
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394; Biblische und babylonische Religion. wird — kultische Vergehen und Verstöße wie: »aus ungereinigtem Becher Wasser trinken,« »Rohr im Dickicht abschneiden,« »in einen Fluß urinieren oder speien« usw. Unschwer ist daran zu erkennen, daß über wahre Sittlichkeit dieselben getrübten Anschauungen herrschten, wie über die. Gottheit. Wohl steigt einmal die Dämmerung herauf, aber ihr folgt immer wieder die Nacht. Wohl regt sich hie und da ein befreiender Gedanke wie dieser: »Gott Äschur schuf sich selbst« oder das hochethische: »Deinem Feinde sollst du mit Gutem vergelten,« aber kein begeisterter Verfechter großer Gedanken, kein Prophet tritt auf, der mit Hintansetzung des eigenen Lebens, glühender Begeisterung voll, seine Lehre ins Leben trägt, die widerstrebende, träge, laue, egoistische Menge mit sich fortreißend. Wo ist in Babel ein Jesaja, der gegen die frevelnden Großen donnert und wettert, das schlafende Gewissen mit Feuerberedsamkeit aufpeitscht, die satte Trägheit zu sozialer Mitarbeit zwingt?! Wo sind die Anwälte der Armen und Unterdrückten, der Witwen und Waisen? Wenn in Babel einmal über Gottlosigkeit geklagt wird, so ist es darum, daß früher — die Weinkrüge reichlicher gefüllt waren. Wir mögen es bedauern, daß Babels Religion den Weg zur Höhe nicht fand. An der Tatsache können wir nicht rütteln. Wir werden auch versuchen können, diese Tatsache zu erklären, sei es aus dem Charakter der Bewohner, sei es, was wahrscheinlicher, weil Babel das Erbe der Sumerer antrat. Aber Israel steht nicht auf den Schultern Babylons, wie Babel auf den Schultern Sumers. Wohl weben unsichtbare Fäden vom Euphrat zum Jordan. Doch wie man zwar eine Maske sich leihen kann, nicht aber ein Gesicht, so ist das, was von Israel wirksam gewesen ist in der Weltgeschichte, nicht von Babel entlehnt, sondern ist Israels ureigenstes Selbst.

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