Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 51 (1907)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die wirtschaftliche und soziale Bedeutung der Juden im Mittelalter
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 271 (sequence 15)
- Language
- German
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DieJ.wirtschaftliche u. soziale Bedeutung d. Juden im Mittelalter. 271 portugiesischen Kolonialwesens darzulegen. Daß aber der Geist und das Geld der großen spanischen jüdischen Kaufleute an dieser Verlegung des wirtschaftlichen Schwerpunkts nach dem Westen Europas lebhaft mitgewirkt lind damit zur Konstituierung der modernen europäischen Ge- Seilschaft wesentlich beigetragen haben, steht über allen Zweifel fest. Diese wirtschaftliche Position der Juden aber zu. einer Zeit, wo das kaufmännische Bürgertum sich überall in der europäischen Gesellschaft־ als einer der angesehensten Faktoren durchsetzt, fand seinen Ausdruck auch in der sozialen Stellung der Juden jener Länder Wenn der spaniolische Jude noch heute als der Aristokrat unter den Juden gilt, wenn all seine späteren Leidens- Schicksale ihm die äußere Würde und Haltung nicht haben rauben können, so dankt er sie der gesellschaftlichen Ebenbürtigkeit, die ihm so lange Jahrhunderte hindurch beschieden war. Bis in die letzten Jahre des spanischen Judentums hinein haben sich dessen führende Schichten mit voller Sicherheit in der erlesensten Gesellschaft des adelsstolzen Spaniens zu bewegen verstanden und ihre gesellschaftliche Gleichwertigkeit sich zu bewahren gewußt, und nur auf diesem Hintergrund sind die glänzenden Gestalten der jüdischen Staatsmänner denkbar, die nicht in der immerhin zweideutigen und halben Stellung des Hofjuden, sondern als auch nach außen hin vollberechtigte Politiker auftreten. Auf solchem Grunde erhebt sich das so reiche und universelle Kulturleben des spanischen Judentums. Hier wurzelt der offene Bildungssinn, das feine ästhetische Empfinden des italienischen Judentums vor allem zur Zeit der Renaissance, dem wir heute noch die erlesensten Er- Zeugnisse jüdischen Kunstgewerbes verdanken. Die bisher geschilderte Art, wie sjch die Juden dem Wirtschaftsleben einfügen, ist nach keiner Seite hin auffällig und besonderer Erklärung bedürftig, und doch sehen wir uns hier vor ein im höchsten Maße befremdliches