Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 49 (1905)
- Issue
- Heft 3
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
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Besprechungen. 365 Scholastik an, wie ja auch die Beweise der Scholastik für die Existenz Gottes ־— vor allem der ontologische Beweis — bei ihm wieder zu Ehren kommen. So ist eigentlich die ganze Mühe vergeblich gewesen. Bisher haben wir stets bei allen unseren Einwänden auf Mangel an Kritik hingewiesen. Einer offenbaren Inkonsequenz aber macht sich Rülf schuldig, wenn er den menschlichen Willen frei nennt. Dass er nicht den geringsten Versuch macht, diese Behauptung zu beweisen, ist ganz vernünftig, es wäre ihm schwer gefallen, bei der absoluten Gesetzmässigkeit, mit der die Urkraft im Universum wirkt, die Freiheit des menschlichen Willens plausibel zu machen. Er hätte höchstens darauf hinweisen können, dass der Mensch Bewusstsein und Willen besitzt, und dass sein Handeln aus diesem Grunde, obwohl es gesetzmässig verläuft, frei genannt werden kann; dass aber Rülf die Freiheit nicht in diesem Sinne versteht, ergibt sich aus den Worten : »Im Menschen hat sich der göttliche Geist individualisiert, ist selbständig und frei geworden, und in seiner Freiheit kann der Mensch doch im Gegensätze zur Natur seine Ent- Scheidungen treffen und seinen Willen durchsetzen wollen«, und noch deutlicher aus dem Satze : »Der Mensch ist frei geschaffen, er kann sündigen, gegen die göttliche Weltordnung sich auflehnen.« Einen offenbaren Widerspruch begeht Rülf ferner, wenn er das eine Mal sagt: »Die Uebereinstimmung von Tugend, Sittlichkeit einerseits und Glückseligkeit andererseits ist eine rein willkürliche Voraussetzung, da dieses sogenannte höchste Gut, welches in dieser Uebereinstimmung seine Wurzel hat, eine sehr zweifelhafte Sache und diese Glückseligkeit einen völlig imaginären Wertgegenstand darstellt«, und später behauptet: »Es muss einen Gott geben, der uns zur Verwirklichung der sittlichen Weltordnung verhilft und ganz besonders das höchste Gut der sittlichen Weltordnung, die Übereinstimmung von Tugend und Wohlsein, von Würdigkeit und Glückseligkeit zur Wahrheit werden lässt«. An den Moralproblemen der Gegenwart geht Rülf stillschweigend vorüber. Sein Verhältnis zur Bibel ist mit einigen Worten zu bezeichnen. Er findet seinen energetischen Monismus in den Lehren der heiligen Schrift wieder. Dass den Grund dieses Irrtums nicht theologische Befangenheit, sondern Mangel an philologischer Schulung bildet, ergibt sich aus der Freiheit, mit der Rülf der Bibel gegenüber steht, in der er das »Werk von Redaktoren aus viel späterer Zeit« erblickt. Alles in allem ist Rülfs Metaphysik das Werk einer sympathischen, harmonischen Persönlichkeit, aber der Mensch bietet uns mehr als sein Werk. Schneidemühl. I. Lewkowitz.