Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 49 (1905)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Kabbalah auf ihrem Höhepunkt und ihre Meister
- Date
- 1905-01-01
- Page
- Seite 165 (sequence 37)
- Language
- German
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Die Kabbalah auf ihrem Höhepunkt und ihre Meister. 165 hereinbrachen. Die Überfülle von Hoffnung, wie sie ganz besonders durch die Lurjanische Kabbalah so Zuversichtlieh strömt, dass man es auf allen ihren Blättern vom baldigen Triumph Israels raunen und rauschen hört, sie hat den Glauben gehoben, die Nerven gestählt, den Blick unverwandt an den Himmel geheftet, an welchem die Hoffnungssterne dem trostbedürftigen Auge nimmer entschwanden. Sie war es, welche durch ihr stetes Erklären und Vorhalten der menschlichen Unvollkommenheit, durch ein schematisches Ausmass der Bussübungen die Gewissen schärfte und das Pflichtbewusstsein stärkte. Mochten immerhin ihre Wahngebilde und Schreck- Vorstellungen als Motive gewirkt haben, sie war es, welche im Judenquartier, wo man den Zusammengepferchten Raum, Luft und Erwerbsgelegenheit so sehr verschränkte, dass nicht selten zwei oder gar drei Familien in einem und demselben Zimmer zusammen hausen mussten, trotzdem Zucht und Sitte aufrecht erhielt. Selbst Anstand und gesittetes Verhalten lernte man aus kabbalistischen Sittenbüchern, in denen zu lesen zum guten Ton und zur Bildung gehörte, wie z. B. aus dem ראשית חכמה von Eiiah de Vidas und aus dem של״ה des Jesajah Horwitz, wo ganz vortreffliche Bemerkungen darüber sich finden. Wenn in jeder menschlichen Brust etwas ruht, das ab und zu nach Besserem und Höherem sich sehnt, als die Alltäglichkeit bietet, wenn das Gemüt sich zuweilen Flügel wünscht, um über den Staub der Erde hinaus in die lichte Höhe einer reinen Atmosphäre sich empor zu heben, so haben die Bewohner des Ghetto, denen ausser dem Talmud alle Bildungs- und Anregungsmittel verschlossen waren, Sammlung und Spannung und Schwung in den populären Schriften der Kabbalah, in ihren Sprüchen, ihren Wortspielen und Mährlein gesucht und gefunden. Sogar die Poesie, der Reiz, womit ehedem der Sabbath