Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1904-11-01 · Heft 11-12 (November 1904) · p. Seite 742

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
48 (1904)
Issue
Heft 11-12 (November 1904)
Article
Eine Zeitungsente aus dem Jahre 1790 und ihre Folgen
Date
1904-11-01
Page
Seite 742 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2829132-2829776-2829786-2885799--33315-2885925
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

742 Eine Zeitungsente aus dem Jahre 1790 und ihre Folgen. Die Bemerkungen über Veränderungen in dem Per־ sonenstand der Familien in der ersten Rubrik beziehen sicht offenbar auf eine vorausgegangene Konskription der Juden־ schaff. Den im obigen Verzeichniss genannten anwesenden Familienhäuptern wurden vor dem Stadtoberrichteramt die erlassenen Befehle vorgelesen und dieses wurde durch ein aufgenommenes Protocoll festgelegt; hierauf bezieht sich der »Protocollar-Auftrag« der letzten Rubrik. Dass man bezüglich der Juden besondere Vorsichtsmassregeln gegenüber den anderen Staatsbürgern ergriff, war kein Zeichen der Intoleranz, sondern tatsächlich durch die Erwägung geboten, dass sie durchweg auf den Handel angewiesen waren und dadurch am leichtesten Gelegenheit hatten, mit dem Ausland durch Geschäftsverbindungen in Berührung zu kommen, also auch mit Böhmen. Aber, — dieses Vorgehen der obersten Behörde barg eine schwere Gefahr für die judenschaft in sich; das Volk liebt es stets, die Verantwortung für irgend ein Unheil auf bestimmte Personen abzuwälzen, es tat dies mit besonderer Vorliebe stets bezüglich der Juden. Wenn nun eine solche dunkle Wolke wie die Pestseuche am Horizont des öffentlichen Gesundheitslebens drohend steht, so ist es kein Wunder, dass unzufriedene, wenig vom Gewissen beeinflusste Personen die gute Veranlassung beim Schopfe fassten, um hier die Juden als Sündenböcke hinzustellen. Zündstoff wurde durch die Regierung selbst unbewusst gegeben; denn, indem das urteilslose Volk sah, dass man bei dieser Pestgefahr der Judenschaft besondere Aufmerk־ samkeit schenkte, hatte es ja einen strikten Beweis, dass diese Religionsklasse offenbar nach Ansicht der Behörden mit der Pestgefahr in Beziehung stand. Tatsächlich war es auch eine jüdische Gemeinde Prag, von der das Unheil drohte. Die Erinnerung an frühere Jahrhunderte, wo man die Juden für dieselbe furchtbare Pest verantwortlich machte und als Opfer betrachtete, mochte auch noch instinktiv in der Volksseele schlummern.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.