Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 359 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. 359 zeugung schafft, sondern der Wille und das Gemüt; um wie viel mehr wird eine Persönlichkeit von so starker Subjektivität, von so scharfer Feinhörigkeit und kühner Kombination, wie Graetz, leicht zu Resultaten kommen, die einen schneidenden Gegensatz zu allen landläufigen Begriffen bilden, ohne dass sie in jedem und allem stets auf eine objektive, sichere Basis gestellt werden können. In der Tat sind seine Ergebnisse und Erläuterungen, die von einem leidenschaftlichen Streben nach voller Klarheit und Folgerichtigkeit beherrscht werden, oft von einer verblüffenden Originalität. Jedenfalls aber hat er allerlei neue Fragen in Fluss gebracht, viele fruchtbare Anregungen gegeben und manchen schönen Triumpf auf diesem strittigen Boden davon getragen. Mit solcher Kühnheit wird die Exegese zweier hagiographischer Bücher behandelt, welche 1871 unmittelbar auf einander folgten und mit denen er zuerst vor die Oeffentlichkeit trat. Koheleth (oder der salomonische Prediger, übersetzt und kritisch erläutert), dessen Entstehung bis in die Regierungszeit des Herodes hinabgerückt wird, und Schir ha-Schirim (oder das salomonische Hohelied, übersetzt und kritisch erläutert), dessen Verfasser er der syrisch-mazedonischen Zeit zuweist. So sonderbar die Hypothesen betreffs der Abfassungszeit der beiden Bücher und manche andere Auffassungen den Leser berühren und stutzig machen, weil sie sich von allen bisher begangenen Heerstrassen überaus weit entfernen, man muss gestehen, dass die Hypothese über die Ursprungsperiode von Koheleth viel Bestrickendes für sich hat, man muss jedenfalls anerkennen, dass gut und geschmackvoll übersetzt worden, dass sehr instruktive Bemerkungen und Hinweise gegeben werden, dass die alten Uebersetzungen eingehend und aufmerksam herangezogen und benutzt sind. Im Kommentar zu Koheleth, welcher überhaupt denjenigen zum Hohelied an Wert übertrifft, finden sich zugleich interessante Aufschlüsse