Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-06-01
- Page
- Seite 351 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Qraetz. Ein Lebensbild. 351 berechenbare, selbst irrationelle Wendung erhalten haben. Es kann überhaupt doch nicht Wunder nehmen, wenn bei einem geschichtlichen Riesenwerk von zwölf umfangreichen Bänden, — wo stets durch das Unterholz kleinlicher Einzelberichte der zu einer pragmatischen Betrachtung des Geschehens führende Pfad aüfgefunden wird, neue Tatsachen oder doch neue Gruppirungen ermittelt werden — einzelne Inkorrektheiten, menschliche Versehen und Verstösse mitunterlaufen. Derartige Mängel und Schwächen verschwinden vor dem Reichtum des Dargebotenen, vor der Grösse der Leistung. Perspektive, lebendige Charakteristik, scharfe Zeichnung, leuchtendes Kolorit verdankt die jüdische Geschichte einzig und allein seiner phantasievollen Feder; er hat dadurch neue Probleme angeregt, hat die historischen Typen geschaffen, er hat gleichsam das ganze Kartennetz für die jüdische Geschichte vorgezeichnet. Als sein höchstes, von keinem Anderem bisher erreichtes Verdienst muss jedoch gerühmt werden, dass er durch sein gemeinfassliches, hinreissendes Wort sich in allen Schichten seiner Glaubensgenossen Eingang verschafft1), ג) Graetz hat mit grossem Geschick, um den Fluss der Erzählung nicht durch trockene, gelehrte Exkurse zu unterbrechen, Jeden Band seines Werkes in zwei Teile geschieden, gleichsam in einen exoterischen Teil, für alle zugänglich, und in einen esoretisehen, für den Fachmann bestimmt. Der letztere Teil befindet sich am Schluss als Beigabe und enthält den gelehrten Notenapparat, in welchem über die Methode, über die mehr oder minder zwingenden Schlussfolgerungen und Voraussetzungen, die zu den in der Ge- Schichtsdarstellung vorgetragenen Resultaten geführt baben, Rechen״ schaft gegeben wird, in welchem alles niedergelegt ist, was der Verfasser als Gelehrter, an neuen Tatsachen, Daten und Gruppierungen gefunden und gefördert bat. In diesen Noten, die in gewissem Sinne die Werkstatt darstellen, um den vom Verfasser selbst herbeigeschafften wissenschaftlichen Rohstoff zu den für den Geschichtsaufbau geeigneten Werkstücken zu verarbeiten, ist ein ebenso reiches, wie neues Material nicht bloss aus handschriftlichen Funden, sondern oft