Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 48 (1904)
- Issue
- Heft 3 (März 1904)
- Article
- Heinrich Graetz
- Date
- 1904-03-01
- Page
- Seite 174 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Heinrich Graetz. Ein Lebensbild. Löwe, der letzte eines talmudischen Löwengeschlechts, von seiner Niederlage in’s Innerste getroffen, durch sein Ableben den Schauplatz räumte, stand Geiger auf der Höhe seines Ruhmes. Schon lange war keines Rabbiners Name in der ganzen deutschen Judenheit so sehr bekannt und genannt, so in aller Munde, wie derjenige Geigers. In Schlesien gab es keinen populäreren Rabbiner, in Breslau war sein Wort machtvoll, einflussreich und von den Gegnern gefürchtet. Sein wissenschaftliches Ansehen war allgemein anerkannt, seine Rede beherrschte die Kanzel und die Gemüter; wer es wagte, ihn anzugreifen, wurde übel zugerichtet und trug zum Schaden den Spott davon. Da machten sich im Laufe des Jahres 1844 die ersten Anzeichen einer sich langsam vollziehenden Wendung bemerkbar, ln demselben Jahre waren nicht nur die Keime zur Bildung einer neuen theologischen Richtung auf konservativer Grundlage zusammengeschossen und hatten sich unter der Führung von Zacharias Frankel zu konsolidieren begönnen; es schwirrten auch gegen Geiger und seinen Anhang einzelne, von Ironie beschwingte, spitze Pfeile heran, und ihnen folgten immer spitzere und schärfere, welche schwer zu pariren waren und an den wundesten Stellen trafen. Eine renommirte jüdische Zeitschrift »Der Orient«, der von Dr• Fürst in wöchentlichen Nummern redigirt wurde, berichtete nämlich über wichtigere Vorkommnisse innerhalb der Breslauer Gemeinde, und der anonyme Korrespondent verstand es, lebhaft, prickelnd und kritisch zu schildern. Die Artikel erregten begreifliches Aufsehen, verursachten in Breslau bei ihrem fortgesetzten Erscheinen geradezu Sensation, und beide Parteien sahen zeitweise, mit entgegengesetzten Gefühlen zwar, aber mit gleicher Spannung der neuen Wochennummer des Orients erwartungsvoll entgegen. Die Orthodoxen jubelten, hatte sich doch endlich eine gev/andte Feder gefunden, welche unerschrocken und rücksichtslos allerlei Schäden bioslegte und durch das kühne Auftreten