Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Die Wiederherstellung Israels unter den Achämeniden
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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194 Bie Wiederherstellung Israels unter den Achämeniden. Dass der Schluss von Keil. c. 7 schon vom Compilator, also von derselben Hand wie Neh. c. 8 herrührt, haben wir schon oben (zu Esra c. 3) gesehen. Dass der wichtige in Neh. c. S—10 berichtete Act in den Memoiren enthalten war, wird jeder als selbstverständlieh anseben. Wir dürfen aber getrost annehmen, dass der Bericht der Tempelchronik, der uns in Neh. c. 8—10 vorliegt, die Ereignisse ebenfalls treu wiedergiebt. Denn Cultusange* legenheiten haben in einer Tempelchronik gewiss den grössten Platz eingenommen. Dass aber Neh. bei dieser Versammlung des gesamten Israels noch viel wichtigeres als die Volkszählung und die Legitimierung im Auge hatte, nämlich die neue Verpflichtung des Volkes auf die mosaische Gesetzgebung, womit sich Esra schon seit 13 Jahren beschäftigt hatte, ersieht man am deutliebsten aus der Thatsache, dass er die Volksversammlung noch kurz vor dem ersten Tisehri veranstaltete, obgleich der Mauerbau erst 3 oder 4 Tage vorher (Neh. 6, 15) zu Ende geführt worden war. Die Diplomatie Nehemias liegt liier auf der Hand. Der Plan, mit dem Esra vor 13 Jahren nach Jerusalem gekommen war, war an dem Unwillen des Volkes gegen Esras Person und gegen sein rücksichtsloses Vorgehen gescheitert. In Rücksicht auf die traurige wirtschaftliche Lage und die erbitterte Stimmung des Volkes, musste Esra damals von seinem Vorhaben absehen und eine günstigere Zeit abwarten. Eine solche war jetzt gekommen. Nehemia, der von vorncherein als grosser Staatsmann und als Reformator und ■Verbesserer der materiellen und gesellschaftlichen Lage des Volkes auftrat, der in kurzer Zeit (Neh. 5, 1—13. 6, 15) grosse Erfolge erzielte und sowohl bei seiner Ankunft in Jerusalem (Neh. '1, 9, 11—18) als auch während seines Aufonthaltcs daselbst (Neh. 5, 14—19) sehr vorsichtig auftrat, stand der Natur der Sache nach im höchsten Ansehen beim Volke und genoss das rücksichtsloseste Vertrauen. In diesem Zeitpunkte nun, in welchem das Volk zu verschiedenen Feierlichkeiten nationalen und religiösen Charakters, zur Volkszählung, zur Legitimation, zur Mauereinweihung und zur Feier der Tischri-Feste sich freiwillig versammelt hatte, war die trefflichste Gelegenheit gegeben, dem Volke das ^Gesetz zu predigen und es zur Rückkehr aufzufordern. Denn angesichts der gehobenen nationalen und religiösen Stimmung musste eine Verkündigung des mosaischen Gesetzes trotz des