Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 47 (1903)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Vorlesungen Ad. Harnacks über das Wesen des Christenthums
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 137 (sequence 2)
- Language
- German
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Die Vorlesungen Harnacks über das Wesen dos Chriatenthuras. 137 lorenen. Am vollkommensten erscheint dieses Bild in den ersten Zeiten der Wirksamkeit Jesu, da er, ergriffen von den Worten Johannis des Täufers, durch die Städte und Dörfer seiner galiläischen Heimat zog, in den Synagogen predigte, die Menschen zu bessern und ihnen zu helfen suchte, die Kranken heilte, auf die Besessenen beruhigend seine Hand legte. Diese Wirksamkeit, seine innige Gottergebenheit, sein tiefsittlicher Ernst, seine Sanftmütig Freundlichkeit und milde Weisheit gewannen ihm nicht nur die Bewunderung, sondern auch die Liebe weiter Kreise des Volkes und eine Anzahl begeisterter Jünger. Eine Aenderung in seiner Wirksamkeit trat jedoch ein, als seine wachsenden Erfolge den Gedanken, der berufene Messias Israels zu sein, in ihm reifen Hessen und seine Thätigkeit bestimmten. Der Widerspruch, auf den er dabei stiess, die Kämpfe, in die er dadurch eintrat, machen sodann seine Worte vielfach herb und scharf, verdüstern seine Stimmung,erfüllen ihn mit Todesgedanken und führen seinen Geistimmer mehr in das Gebiet des Jenseitigen und Wunderbaren, der Seligkeit der Einen und der Verdammnis der Andern. Und nur die kräftigen und anschaulichen Bilder und Gleichnisse, mit denen er seine Reden ausstattete, gaben seinen Schilderungen vom Himmelreich und den kommenden Dingen die frische Farbe des natürlichen Lebens. Der Weg zum Kreuze hat ihn auch zur Verherrlichung und zum Siege geführt; aber die menschlich anziehende Macht seiner Persönlichkeit und das Beispielgebende seines Lebens ruht doch hauptsächlich in seiner früheren Thätigkeit in Galiläa, in seinen Worten und Werken der Liebe für die Armen, Bedrückten und Verirrten. Für diese Wirksamkeit stand nicht nur sein uumittelbarer Vorgänger, Johannes, sondern vor Allem die grosse Reihe der Propheten Israels als Vorbilder ihm vor Augeu. Säe waren stets nicht nur die geistigen Führer ihres Volkes gewesen, die es zu Gott zu erheben suchten, sondern auch seine Berather, Freunde und Helfer. So hatten Moses und Aron gewirkt, 80 namentlich Samuel, Elia und Elisa, Sie ziehen im Lande umher, begleitet von ihren Jüngern, den Prophetenschülern, und zeitweise versammeln sich um sie grosse Schaaren des ״Volkes, wenden sich an sie mit ihren persönlichen Bedürfnissen und.Wünschen und erbitten sich von ihnen Hilfe in den verschiedenartigsten Angelegenheiten.