Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 46 (1902)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1902)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1902-05-01
- Page
- Seite 281 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen. 281 Bibelforscher sich auf Schritt und Tritt die Ueberzeugung aufdrängt, . dass die früheren Exegeten nicht das Richtige gesehen haben, wachsen diese Scholien zu einem in manchem Capitel keinen Vers unberührt, lassenden Commentar an, in dem nothwendigerweise Erklärungen sehr verschiedenartigen Werthes aneinander gereiht sind. Das dem Verfasser vorschwebende Ziel ist in dem Titel seines Werkes zur Genüge gekennzeichnet. Er lautet: ״ מקרא כפשוטוDie Schrift nach ihrem Wortlaute“. Auch hierin also schliesst sich Ehrlich den Klassikern der alten jüdisehen Bibelexegese an, indem er mit seiner Schrifterklärung den Peschat, den geraden, natürlichen Wortsinn des Bibeltextes ermitteln und darlegen will. Aber die polemische Spitze, welche dieser Titel seines Werkes in sich birgt, wendet sich gegen die ganze bisherige Bibelerklärung, der es angeblich bis auf den heutigen Tag für eine zahllose Menge von Bibelstellen nieht gelungen ist, den wahren Sinn des Bibelwortes zu erkennen. Ehrlich macht hiebei keinen Unterschied zwischen den alten jüdischen und den modernen christlichen Bibelexegeten. Sämmtlichen Autoritäten stellt er die eigene Auffassung gegenüber; und das Titelblatt jedes Bandes zeigt die stolze, einem arabischen Autor entlehnte Devise: ״Derjenige, mit dem die Wahrheit ist, hat die Mehrheit, und wäre er auch nur ein Einzelner“. Dieses hoch gespannte Selbstbewusstsein, mit dem unser Verfasser seine Bibelexegese, als die den Stempel der Wahrheit an sieh tragende, einer ganzen grossen b1b61exegetischen Tradition, sowie dem ungewöhnlich reichen Schriftthuni der zeitgenössischen Bibelexegese entgegenstelit, ist hei einem Manne verständlich, der stets seine eigenen Wege gewandelt und dem es gelungen ist, vermöge einer in ihm gleichsam lebendig gewordenen Spracherkenntniss, vermöge einer intimen Vertrautheit mit den biblischen Büchern und vermöge eines intuitiven Scharfsinnes tbatsächlicii in zahlreichen Eällen den Sinn des Bibeltextes besser zu erkennen, als es bisher geschehen ist. Aber zu jenem Selbstbewusstsein trug auch der Umstand nicht wenig bei, dass Ehrlich die vorhandene exegetische Litteratur nicht in ihrem ganzen Umfange berücksichtigt und so Vieles, was auch schon vor ihm durch Andere gesagt wurde, als sein eigen ansieht, wodurch natürlich die Eülle der Originalität, die er sieh selbst als Erklärer des Bibeltextes zuerkennfc, bedeutend abnimmt. Jedoch sei hervorgehoben, dass in dem vorliegenden dritten Bande häufiger als in den beiden ersten auf die Ansichten Anderer Bezug genommen wird. Mit Kamen werden allerdings Wenige genannt; meist begnügt sich der Verfasser mit umschreibenden Hinweisungen auf einzelne moderne Bibelerklärer. Doch ist das sozusagen stylistische Eigenart oder vielleicht Unart und von unwesentlicher Bedeutung, da unser Verfasser der Darlegung oder Widerlegung fremder Ansichten in seinem Werke nur geringen Raum gewährt und sich meist darauf beschränkt, seine eigene Ansicht darzulogen. Dass ein solches Verfahren die Beurtheilung des Werthes der von Ehrlich mit dem Aus- Spruche der Neuheit dargebotenen Erklärungen erschwert, ist ebenso klar, wie dass er selbst durch die mangelhafte Berücksichtigung der Leistungen Anderer in der Schätzung der eigenen Leistung bedeutend beeinflusst worden ist. Wie Ehrlich die Arbeit der modernen christlichen Bibelexegeten an der Erforschung des Alten Testaments beurtheilt־, zeigt folgende Aeusserung im Vorworte:; zum ersten Bande (p. VIII): ״Die nicht jüdischen Bibelerklärer sind ihren jüdischen Gefährten in Sprach- Wissenschaft und in Kritik überlegen. Denn seit den Tagen Reuchlins