Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 45 (1901)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Frankels Einleitung in die Mischna
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 263 (sequence 2)
- Language
- German
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Frankels Einleitung in die Mischna. 263 sie sollen weniger erhoben und mehr gelesen werden. Dann werden gleichsam die ״Lippen der Schlummernden wieder zu uns sprechen unsere Seele wird wieder auf die Worte ihres Mundes lauschen, und unser geistiges Auge die hehre Lichtgestalt der selig Entschwundenen schauen. So sei es nun gestattet, zum 100. Geburtstage des Meisters eines der Hauptwerke Frankels, welches auch seinen religiösen Standpunkt und seine Lehrweise kennzeichnet, welches die Grundlage aller neueren Werke über Mischnaforsckung bildet, und welches nun vergriffen ist und einer neuen Auflage dringend bedarf, den Lesern dieser von ihm ins Leben gerufenen Monatsschrift hiermit vorzuführen. Dieses Buch ist in einer für die religiösen Ansichten im Judenthum überhaupt und für die talmudische Litteratur im Besonderen sehr bewegten Zeit entstanden. Aehnlich wie gegenwärtig der Talmud die Aufmerksamkeit vieler erregt, seine Angreifer und Yerfcheidiger, seine Gönner und Hasser findet, so hat um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts eine heftige Bewegung zu Gunsten und zu Ungunsten des Talmud und namentlich einzelner Theile desselben stattgefunden. Während aber jetzt das Interesse am talmudischen Schriftthum ein Product äusserer Anfeindung ist und uns oft zur Abwehr gegen unwissende oder böswillige Gegner zwingt, war die Talmudfrage jener Zeit eine innerjüdische; Angreifer und Verthoidiger waren Glaubensgenossen, jüdische Seelsorger und Gelehrte, die mit Ernst nnd Eifer für ihren theologischen Standpunkt eintraten. Es ist nämlich jene bewegte Zeit, wo im politischen Leben Mitteleuropas überhaupt die Pluthen hochgingen, wo in der sozialen Stellung der Juden manche günstige Wandlungen eintraten, wo aber namentlich in der rituellen und culturellen Entwickelung des Judenthums grosse Veränderungen sich rasch vollzogen, wo einzelne durch Wort und Schrift einflussreiche Führer einen Anhang in den Gemeinden gewannen und neue Parteien, neue Richtungen begründeten; kurz es ist die Zeit der religiösen Reform von 1840 bis 1860. Eine der wesentlichsten Parteifragen war damals die Stellung zum Talmud. Während die Einen ihm für dessen Gesammtumfang eine unbedingte Autorität beilegten, versuchten die Anderen den Werth namentlich einzelner Theile desselben herabzusetzen; während die Einen die alte Lehrweise beibehielten und nur auf den altbekannten Bahnen im