Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 394 (sequence 10)
- Language
- German
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Das Problem dor jüdischen Sittenlehro. 304 Die Anwendung des Systembegriffs auf eine Religion ist eine methodische Verwirrung. Der Regritf des Systems ist der LcLensbegriff der Philosophie. Religion will Sittenlehre sein. Aber sic kann nicht Philosophie der Sittenlehro, das ist Ethik sein. Da mm aber durch diese Differenz die Wissenschaftlich״ beit der Religion entzogen, mithin also auch die unter ihr mögliche Erkemitniss eingeschränkt ist: da sie nicht selbst PhiLosopliie sein kann, so sucht die Religion aus dem Drang nach Erkemitniss die Verbindung mit der Philosophie herzu״ stellen. Und so entsteht die Philosophie der Religion. Was aber ist der eigentliche Inhalt, den diese Philosophie der Religion in allen ihren Fragen und Interessen ursprünglich und letztlich anstrebt? Nichts anderes als die Sittlichkeit, Die Phiiosophie der Religion ist die Religionsphilosopliio der Sittlichkeit. So ist auch die Ethik des Judenthums nicht eine systematische Ethik, sondern die Keligionsphilosophie.der jü 11 isclien Sittenlehre. Das ist nirht nur der allein angemessene Titel des Problems; durch den TiteL wird die allein angemessene Methode angezeigt. Das ist also keineswegs etwa ein Wortstreit, sondern der Wegweiser am Kreuzweg*. Dieser Wegweiser verhütet ebenso die Verirrung für die Wissenschaft, wie lur die Religion. Die systematische Ethik verleiht der Religion den falschen Schein der Selbständigkeit-; während sie nur dann und nur dadurch den Weg der Kultur verfolgt: dass sie nicht an ihre Selbstgenüg״ samkeit glaubt; sondern zu ihrer göttlichen Weisheit die mensch״ liehe Wissenschaft hinzuzunehmen sucht. So haben es unsere Dogmatiker zu unserem Heile gemacht, indem sie sich nicht isolirten auf einen angeblichen < lesammtgeist des Judenthums; sondern mit Grieehenthum, Islam und Christenthum die gründlichste, innerlichste, und dabei" und dadurch kritische Verständigung anstrebten. Sie aber eben wollten keine selbständige systematisehe Ethik schallen; sondern eine Philosophie des jüdischen Glaubens. Indem sie aber das richtige Objekt sich vorsetzten und den richtigen Schwerpunkt für ihre Untersuchung fanden, konnte es ihnen gelingen, ihren (Rauben durch die Philosophie zu bereichern, und die Gründe desselben zu vertiefen. Sie waren fern von dem üusserlielien, eiteln Irrwahn, als ob sie dadurch den Gesammtgeist des Judentlmms verletzen könnten. Der Gesammtgeistwarfürsie eine unaufhörliche ideale Aufgabe für die Entwichehing ihres Glaubens bis ans Ende der Tage. Durch diese ihre philosophische Redlichkeit haben sie der Welt, haben sie der Philosophie der V eit, nicht allein ihrer Religion, den grossen,