Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- Seite 392 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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392 Das Problem der jüdischen Sittcnlehre. Aristoteles, als Hintermann des zur Seite geschobenen Maimo- 4 nides. Spinoza wird als Talmudjünger in einer Weise entlarvt, ן die man kaum ernsthaft nehmen kann, und die leider gar nicht t geeignet ist, das boshafte Wort zu nichte zu machen, das Herr | Kuno Fischer über die gediegenen Arbeiten Joels gesprochen hat: es sei ihm nicht gelungen, Spinoza wieder unter die Juden ‘ zu bringen. Was endlich Kant betrifft, so werden wir darüber im Hauptpunkte zu verhandeln haben, da der Grundgedanke des ganzen Buches, um keinen härteren Ausdruck zu gebrauchen, .1 Kant entlehnt ist. Aber alle diese .besonderen Fragen lachmässiger Gelehr־ samkeit treten zurück hinter das Selbstbewusstsein des Verfassers von dem Verhältniss seines Werkes zu seinen Quellen. Am Schluss der Darstellung derselben giebt er die feierliche Erklärung ab, vor Gott und aller Welt, dass er keinen Gedanken Vorbringen wolle, der nicht ״dem Gesammtgeiste des Judenthums entstammt.“ Was ist dieser Ge־ sammtgeist? Wer vermag ihn zu definiren, so dass die feierliehe Versicherung vor ihm bestehen kann? Hat es jemals einen Gesammtgeist des Judenthums gegeben, dervon den Geistern der Weltkultur abgetrennt und abgeschieden gewesen wäre? Ein solches Ghetto hat es Gottlob niemals gegeben. ״Was ich von Griechen und Körnern und aus der philosophisehen oder sonstigen Litteratur der modernen Völker gelernt habe, mag in meiner Darstellung sich als formgebende Kraft geltend machen: den Inhalt habe icli nach bestem Wissen ־' uhd Gewissen lediglich aus dem Judenthum und dem jüdisehen Gesammtgeist geschöpft.“ (S. 81k)• Diese feierliche Erklärung. ist ein würdiges Seitenstück zur Ankündigung der ersten jüdischen Ethik. Sie ist 1. psychologisch falsch, weil jedem Gelehrten, und wenn er noch so sehr von einem isolirten Gesammtgeist eines Volkes überzeugt ist, dennoch Zweifel aufste.igen müssen über die psychologische Möglichkeit seiner Isolirung. Der Zweifel muss sich steigern, wenn die Möglichkeit der Isolirung, auf einen religiösen Gesammtgeist sich bezieht, dessen Wirklichkeit vornehmlich in litterarisdien Zeugnissen vorliegt und Bestand hat. Sie ist 2. sachlich unrichtig: weil der Gesammtgeist des Judenthums auch im Mittelalter einem solchen Partikularismus nicht zum Opfer gefallen ist. Unsere Dogmatiker setzen sich dem Verdachte in ihrer Kühnheit aus, als ob sie innerlich von Aristoteles und den Arabern abhängig würden, indem sie deren Lehren aufsaugen. Sie ist d. sittlich irreführend, weil sie den gröbsten Undank ausdrückt, dessen der jüdische Partikula-