Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 43 (1899)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Problem der jüdischen Sittenlehre
- Date
- 1899-01-01
- Page
- 385 (sequence 1)
- Language
- German
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Eine Kritik von Lazarus’ Ethik des Judenthums. Von Hermann Cohen. Eine Ethik des Judenthums ist eine grosse, herrliche Aufgabe; aber methodologisch ein schwieriges Problem. In der christlichen Wissenschaft ist der analoge Titel durchgängig gebräuchlich als christliche Ethik; nicht als Ethik des Christenthums. Dieser Unterschied gieht zu denken. Die christliche Ethik unterscheidet■ sich von der philosophisehen Ethik. Und sie nennt sieh daher mit Vorliebe nicht Ethik, sondern Sittenlehre, oder allenfalls Moral. Ethik ist der philosophische SystembegrilU der nicht wol ohne den correlativen Begriff der Logik gedacht werden kann, der seinerseits wiederum auf die Physik bezogen ist. Indem die. christliche Sittenlehre also von der philosophischen sich abgrenzt, bezeichnet sie als ihre Grundlage die Offenbarung im alten und im neuen Hunde. Dadurch dcfmirt sie sieh ihre geschichtlichen Quellen und ihre positiven literarischen Urkunden. Anders steht es im Judenthum. Schon die biblischen Quellen erstrecken sieb über ein Oebiet von Jahrhunderten. Und die mündliche Lehre zerstreut die Einheit der Zeit weiter, und damit die Einheitlichkeit der Grundlage. Endlich aber liegt es im Begriffe der mündlichen Lehre seihst, dass sie keinen Abschluss finden kann; dass das Ende, das sie gewaltsam sich setzen will, ihr immer wieder zu einem rastlosen neuen Anfang wird. Das ist das Licht bei dem Schatten, den die Tradition wirft. Und nicht allein etwa in den Gebräuchen und Einrichtungen hat die mündliche Lehre keinen todten Punkt; sondern auch ebenso wenig in den religiösen und sittlichen Gedanken. Es war keine äusserliche Schablone, und nicht Mou&tächrift. 43. Jahrgang. 25