Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 40 (1895-1896)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1896)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1896-02-01
- Page
- Seite 240 (sequence 10)
- Language
- German
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240 Besprechung. gedankliche Concatenafcio eine grosse Bolle; ist doch der künstlerisch vollendete Dialog ein idealisirtes Bild menschlicher Redeweise. Die Volkspoesie, welche häufig genug in Strophen dichtet, erhält so Gesetz und Ordnung, indem diese entdeckten Grundgesetze als aus dem Geiste der menschlichen Redeweise entspringend sich erweisen. Künstlerisch gehandhabt, wird die natürliche Dorm zur Kunsfcform. Deshalb ge״ rade erscheinen die von M. erwiesenen Thatsachen auch so selbstverständlich und nicht neu! Als ich Anfängern und Halblaien, die vorurtheilslos lesen, die Prophetentexte in M.’seher Passung vorlegte, staunten sie sogleich über die ״Gedichte“ uncl fanden so ein unausgesprochenes in ihnen vor-־ bandenes Gefühl glänzend bestätigt. AVas nicht vorhanden ist, kann ja auch nicht entdeckt werden. Wir brauchen aber auch nicht auf die Lieblingsidee Yerzielit zu leisten, dass die Propheten ihre herrlichen Reden aus dem Stegreif, hin־ gerissen von Begeisterung und der Gewalt des Augenblickes, gehalten haben! Durchaus nicht! Die Form, wie wir die Reden überliefert haben, ist eben die künstlerisch ausgearbeitete •Form bereits gesprochener Reden, in denen die angewandten Kunstformen in Rudimenten bereits vorhanden waren; denn der begeisterte und dabei rhetorisch talentirte Redner wendet sie unwillkürlich an. Diese rudimentären Kunstformen kann man in manchem prosaischen Bibelstücke finden, nachdem man Müller’s geniale Entdeckung kennt und begriffen hat. Auch dort sind sie manchmal beabsichtigt; manchmal aber in der Natürlichkeit der Darstellung begründet־. Jedes Kunstgesetz geht ja ursprünglich auf eine einfachste Form zurück, die sich in der Natur findet. Die Entdeckung Miiller’s ist also nach alledem eine hochbedeutende und wird noch Vielen viel zu denken geben; sie wird eine neue Basis z ur Bearbeitung der semitischen Litteratur geliefert haben. Mit der Chorhypothese werden, so geistreich und glänzend sie ist, Wenige übereinstimmen können; sie blendet, doch scheint der Schritt ein allzu gewagter. Vielleicht wird die Forschung auch hier auf neue Wege geführt werden. Von nun an wird man, scheint mir, Propheten nur mehr in M.’scher Beleuchtung lesen und interpretiren können. Jeder Leser des Werkes muss sich die Mühe nehmen, den Forschungen von Stufe zu Stufe zu folgen, denn die Ahlehiiung der Entdeckung erfolgt sicherlich gleich nach der Lectüre der Einleitung, die eigentlich schon Alles sagt. Yorurtheilslose Yer- Senkung in die hebräischen und arabischen Grundtexte zumal wird jeden ernsten Zweifel beheben. Noch Eines. Der Titel des grossen Werkes scheint etwas zu weit gefasst; denn ״die Propheten in ihrer ursprünglichen Form“ bezieht sich wohl mit auf die Chorhypothese und diese, von dem Verfasser vielleicht wirklich als Kern- und Brennpunkt betrachtete Idee, dürfte nicht allenthalben durchschlagen. ״Die Grundgesetze der ursemitischen Poesie“ werden, vielleicht doch noch um ein oder das andere zu findende Gesetz vermehrt werden und ich möchte deshalb lieber ״Grrundgesetze“ lesen. Andererseits aber ist der grosse Titel im Verhältniss zu den tiefeinschneidenden Resultaten wiederum nicht zu gross. Die Ausstattung des Werkes ist eine glänzende. Nikolsburg, im Januar 1896. D. Feuchtwang. Unberechtigter Nachdruck aus dem Inhalt dieser Zeitschrift ist untersagt.