Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 11
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 523 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen. 523 gestellt. Es ist, glaube ich, die erste Arbeit, welche er auf diesem Gebiete veröffentlicht. Aber sie ist sogleich eine Erscheinung ersten. Banges. Mit diesem Grift* in das vielbearbeitete Gebiet hat sich Müller als einen ebenso kühnen wie vorsichtigen Bibelinterpreten eingeführt. Ezechiel bildet — man darf so sagen — ganz und gar eine crux interpretum, und nur recht wenige annehmbare Commentare sind bisher erschienen. Die überaus gelehrte, von Cornill besorgte Ausgabe dieses Heraklit unter den Propheten, fast erdrückend durch den beigegebenen gelehrten Apparat, lässt durch den schweren Fluss der Darstellung oft unbefriedigt. Nun versucht Müller in dieses Dunkel hineinzuLeuchten, und jeder Leser wird die mit jeder gelesenen Blattseite sich steigernde Helligkeit mit wahrer Freude empfinden, den Propheten Ezechiel zur Hand nehmen, um ihn, geleitet durch diese scharfehldringende Dar- Stellung, auf’s Neue und nun erst recht zu geuiessen. Das Buch zerfällt in fünf Abhandlungen; sie behandeln: die Yision vom Thronwagen; die Sendung, Entwürfe und Ausführung; ein prophetisches Schema; keilin schriftliche Parallelen. Die erste Untersuchung ist ihrem Inhalte nach am besten durch die, vom Verfasser selbst (S. 28) zusammengefassten Thesen wiedergegeben: 1. Die Yision Ezechiel’s ist von der Jesaias’ beeinflusst und beide von der Micbajahu’s ben Jimla's abhängig, der beim Anblicke der von den beiden Königen von Israel und Juda entfalteten Pracht zum ersten Male Gott als König, vom Hofstaate umgeben, geschaut. 2. Die Stellung des Thronwagens im Verhältnisse zur Weltlage ist eine constante, und die Bewegung desselben musste immer nur streng in der Richtung nach den vier Weltgegenden stattfinden. 3. Der Thronwagen kam in der ersten Yision nicht von dem ״Götterberge“ aus dem Norden, sondern von. Jerusalem aus dem Heiligthume. 4. Ezechiel sucht in der zweiten Phase der Yision seine frühere Darstellung, die im Volke Anstoss und in seiner Seele Beunruhigung hervorgerufen, zu eoirigiren und zu interpretiren, wie dies schon die Rabbiner in einem eigentümlichen Ausspruch geahnt zu haben scheinen. 5. Der Vers 10, 4, welcher die wichtigste Veränderung (Kerub für Stier) enthält und eine andere Reihenfolge der Lebewesen aufweist, in der Septuaginta fehlt und von der Kritik als interpolirt angesehen wird, erklärt sich aus der Position des Thronwagens und rührt gewiss von Ezechiel her. 6. In den Versen 9, 3 und 10, 4 ist unter Kerub nicht der Thronwagen zu verstehen, sondern die Kerubim im Allerheiligsten, auf denen Gott nach der Ueberlieferung gethront hat. 7. In den Stellen 8, 2 und 3, 23 ist ״die Herrlichkeit Gottes“ im engeren Sinne (ohne Thron wagen und Lebewesen) gemeint. Diese Thesen sind das Ergebniss einer mathematisch genauen und ebenso überzeugenden Beweisführung. Aus der Vergleichung von I Kön. 22, 17—23, Jes. c. 6 und I Kön. 22, 9, 10 mit der Yision Ezechiel’s ist die erste These unzweifelhaft sicher. Die Entdeckung, dass die Verse: ,,Und es liess der König von Israel einen Eunuchen kommen und sprach: Bringe rasch herbei den Michajahu ben Jimla. Und der König von Israel und Josaphat, der König von Juda, sassen da, ein Jeder auf seinem Thron angethan in königliche Gewänder, auf dem freien Platze vor dem Eingänge des