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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1895-01-01 · Heft 9 · p. Seite 426

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
39 (1894-1895)
Issue
Heft 9
Article
[Rezension]
Date
1895-01-01
Page
Seite 426 (sequence 3)
Language
German
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426 Besprechungen. .״Wer hätte die Aeltesten verdächtigt, dass sie unschuldig Blut vergossen? Wozu ferner die Sühne, da ja ihre Hände nicht blutbefleckt waren und sie überhaupt nichts gesehen?“ Und nun die Lösung, zuerst für den speciellen Fall, dann in allgemeiner Anwendung: ״Allein, m. A., die Aeltesten hatten wohl eine Schuld auf sich geladen, die eben in jener Bekenntnissformel ausgesprochen ist, die sie über dem Erschlagenen sprechen mussten. Man muss die Worte nur ein wenig anders betonen. Unsere Hände basen dieses Blut nicht vergossen, aber unsere Augen haben nicht gesehen, unser Auge war nicht wachsam genug, wir haben dem Unglücklichen nicht den nöthigen Schutz angedeihen lassen, auf den er Anspruch machen konnte.“ ״Und wie zahlreich, m. A., sind die Beispiele im Leben, wo die Gesellschaft gleich jenen Aeltesten ein ähnliches Schuldbekemitniss aussprechen müsste. Man findet nicht so oft einen Erschlagenen auf offenem Felde, aber Mancher stirbt in der Stadt so elend und verlassen wie auf offenem Felde. Nehmen wir einen Fall, der sich täglich ereignet. Da stirbt plötzlich ein Mann, den Niemand im Lehen gekannt haben wollte, aber bei seinem Tode erinnern sich Yiele an ihn, da hat ihn Jeder gekannt, sein Lob erklingt von tausend Zungen, es war ein vortrefflicher Mann, ein Ehrenmann, der ein besseres Los verdient hätte. Was hat ihn wohl so plötzlich hinweggerafft in der Blüthe der Jahre, hört man fragen? לא נודע מי הכהו Was war wohl die Todesursache? Denn für den Tod eines Menschen interessirt sich die Welt lebhaft. Nun, m. A., das Mitleid ist ja noch nicht aus gestorben in der Welt, und an dem Grab des guten Mannes wollen viele gute Seelen wissen, dass Noth und Armuth sein Leben verkürzt haben, und nun spricht am Grabe die heuchlerische Welt: Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen, und unsere Augen haben nicht gesehen. Aber man müsste nur messen nach der Stadt, die am nächsten war dem Todten, man müsste nur nachfragen hei den Nächsten und Verwandten, und die Entschuldigung verwandelt sich in eine Anklage. Die Hände haben freilich dieses Blut nicht vergossen, warum aber hat das Auge nicht gesehen? Oder wollte es vielleicht nicht sehen? — Ja, wie viele gehen verloren, weil die Welt nicht sieht!1' Dieses Beispiel ist typisch für die Eigenart der Horovitz’schen Predigten. Man könnte diese Eigenart im Gegensatz zu der an altclassischen Mustern herangehildeten als bie jüdische Eigenart bezeichnen. Welche Art den Vorzug verdient, ist schwer zu entscheiden. Jede hat ihre Vorzüge und Mängel. Hier Harmonie und Ehenmass, dafür viel Plattheit und ermüdende Breite, dort Beweglichkeit und sprudelndes Lehen, dafür nicht selten Mangel an Bundung und Einheit. Der letztere Vorwurf wiegt bei einer Bede nicht allzuschwer. Denn es wird dem Zuhörer, wenn er nicht gerade geistig sehr geschult ist, schwer, den Vortrag als ein gegliedertes Ganzes in seiner Einheit aufzufassen; er hört nur Einzelnes, und darum ist es für die Wirkung der Bede von sichererem Erfolge, das Einzelne wirkungsvoll zu gestalten, als auf die ebenmässige Anlage und Einheit des Gedankens das Hauptaugenmerk zu richten. Beim Lesen freilich stört der Mangel an Einheit um so mehr. Die grössten Meister der modernen jüdischen Kanzelberedsamkeit, ein Jellinek und Joel haben mit Erfolg versucht, beide Elemente miteinander harmonisch zu vereinen, die jüdische Kost dem modernen humanistisch-gebildeten Menschen mundgerecht zu machen oder in den äusseren Eahmen der hergebrachten classisch-christlichen Predigt einen solchen Inhalt einzuspannen, dass er den jüdischen Gourmand befriedigte.

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