Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Der älteste jüdische Friedhof Ungarns
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 306 (sequence 2)
- Language
- German
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306 Der älteste jüdische Friedhof Ungarn. Fragmente jüdischer Grabsteine zu Tage gekommen, die mir sofort die Ueberzengung aufdrängten, dass an dieser Stelle der erste und älteste Friedhof der in der Burg ron Ofen seit etwa 1246 angesiedelten Juden sich befunden habe. Die Steine wären nämlich nicht als Trümmer alter Häusergrundlagen, als eingebaute Eundstücke, sondern in situ, d. h. aufrecht, wie sie in die Gräber, zu deren Bezeichnung sie dienen sollten, eingesetzt worden waren, ausgegraben worden. Es waren auch nach Aussage der Arbeiter Knochenreste aufgefunden worden, ein Beweis mehr, dass der Spaten hier den Begräbnissplatz selber aufgedeckt hatte. Allerdings muss dieser Friedhof im Laufe־ der Jahrhunderte Umwälzungen aller Art, Zerstörungen und Aufschüttungen neuen Erdreichs über sich haben ergehen lassen, bis er spurlos in diese Tiefe versank, aus der ihn erst nach mehr denn sechshundert Jahren der Zufall eines neuen Hausbaues wie ein Weckruf herauf holte. Denn keines der drei mächtigen Grabstein-Fragmente, die unter den zahlreichen stummen und gleichgültigen Trümmern allein noch in hebräisehen Schriftzeichen zu uns reden, ist in der ursprünglichen Höhe des Denkmals, zu dem sie gehörten, auf uns gekommen, sondern am oberen oder am unteren Ende verstümmelt, zerstört, in der Zerstörung noch ein Zeugniss der Verwüstung, die über den alten ,,guten Orta dahingerast hat, die Steine umstürzend, von denen nur mancher Stumpf auf den Gräbern sich erhalten hat, während die weggeschlagenen Theile, wie es mit jüdischen Grabsteinen überall gegangen ist, weggeschleppt worden sein mögen, um als Material zu Bau- oder Pflasterungszwecken verwerthet zu werden. Und selbst von diesen drei Fragmenten sind es nur zwei״ die wir zu Aussagen über jenen alten Friedhof heranziehen können, aber sie ergänzen sich so merkwürdig, dass sie allein genügen, um uns die Sicherheit zu bieten, dass durch sie die Stelle des ältesten jüdischen Gottesackers in Ungarn bezeichnet ist. Ein herrlich erhaltenes Fragment, ja eigentlich ein völliges, in allem Wesentlichen unversehrtes Epitaph tritt uns in dem Steine gegenüber, der, bei der Zerstörung des Friedhofs umgestürzt und entzweigebrochen, mit seiner Schriftfläche, also mit dem Angesicht zur Erde gefallen ist, die uns die wunderbar tief gehackten Charaktere unverletzt bewahrt und wieder herausgegeben hat. 72 Centimeter breit, 68 hoch und 15 dick, wurde der Stein ausgehauen, um die Schriftfläche in der Breite von 72 cm aufzunehnien, die ein vorgekragter hoher