Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 39 (1894-1895)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Johann Peter Spaeth (Moses Germanus), der Proselyt
- Date
- 1895-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
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222 Johann Peter Spaeth (Moses Gerraamis), der Proselyt. wollten mit der verderbten Kirche keine Gemeinschaft mehr pflegen. Wenn sie auch nicht förmlich austraten, so nahmen sie doch am öffentlichen Gottesdienste nicht mehr Theil, sondern suchten ihr religiöses Bedürfniss unter sich, in ihrem Conventikel, zu befriedigen. Spener hat dieser Abfall gewiss tief geschmerzt, ihm lag jeder seiner Freunde so sehr am Herzen, dass er es für seine Pflicht hielt, jeden speciell, mit Kennung des Kamens, der Gnade Gottes zu empfehlen. Da ihrer aber zu viele waren, um sie alle in einem Gebete aufzuzählen, so theilte er sie, ein wenig pedantisch, nach Ländern und Provinzen in einzelne Gruppen, welche nacheinander an die Reihe kamen1). Milde und tolerant, wie er war, unterliess er es gewiss auch nicht, selbst für die Abgefallenen zu beten. Von Spaeth wenigstens wissen wir, dass ihm Spener seine Freundschaft und Protection bewahrte. Sie blieben in freundschaftlichem Briefwechsel, und Spener wurde nicht müde, ihm die Vorzüge des Protestantismus auseinanderzusetzen 2). Auf Spener’s Empfehlung erhielt er auch eine Stelle bei einer Vornehmen protestantischen Dame in Westfalen, welche für ihre zwei katholischen Kinder als Hofmeister einen ״gelinden Papisten“ suchte, ״der die Irrthümer ein wenig eingesehen.“ In ihrem Hause blieb er sechs Jahre und benutzte diese Zeit zu eifriger Propaganda, wie er denn überhaupt das brennende Verlangen hatte, Andere von der erkannten Wahrheit zu überzeugen3). Er überzeugte wirklich Viele davon, dass es vollkommen gleichgültig sei, ob man in die protestantische oder in die katholische Kirche gehe, wenn man nur Recht thue und Tugend übe. Den Katholiken zeigte er die Vorzüge des Proatetantismus, den Protestauten die Vorzüge des Katholicismus. Den Können westfälischer Klöster las er die Schriften des protestantischen Mystikers Jakob Böhme vor und rührte damit die frommen Jungfrauen derart, dass ihnen die Thränen von den Wangen flössen4). Spaeth war in einer Selbsttäuschung begriffen, wenn er glaubte, dass ihm dieser Standpunkt auf die Dauer Befriedigung gewähren würde. Als er seinen Rücktritt zum Katholicismus!) Hagenbaeh, Kirchengeschichte, Bd. V, Leipzig 1871, S. 220. 2) Spener, Theologische Bedenken, IV, 623. 3) Mitteilung Spener’s an Prof. v. d. Hardt (Schmidt’s Allgemeine Zeitschx. für Geschichte, VII, 402). ף Schudt a. a. 0. IV, 1, S. 202.