Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 38 (1893-1894)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Die Familie Zunz
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 481 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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481 Die Familie Zunz. Von Prof. Dr. David Kaufmann. Wenn ich zur Feier des Tages, an dem ein Jahrhundert sich schliesst, seit Leopold Zunz geboren wurde, am ersten Meilensteine seiner Unsterblichkeit dem Andenken seines Namens drei Jahrhunderte nach rückwärts zulegen kann, so bestätigt dies nur von Neuem die alte Erfahrung, dass, was in andere Zeiten gehen soll, aus anderen Zeiten hergekommen sein muss. Der Genius, der den Namen seiner Familie in ferne Jahrhunderte trägt, lohnt ihr damit nur, dass sie aus alten Jahrhunderten ihn hergebracht hat. "Was jemals hoch hinaufgeragt, hat immer noch tief hinuntergereicht. Durch welche unbekannte Thür der Geist auch immer in seinen Träger eingetreten ist, sicher ist, dass eine Abfolge von Geschlechtem den Boden ihm bereitet, das Werkzeug verfeinert haben muss, dass wir im Gegensatz zu dem hässlichen Worte von der erblichen Belastung der erblichen Begnadung hier sinnenfällig gegenübertreten, die sich aufgespeichert und gesteigert hat, unmerklich und oft auch unbemerkt, bis sie in einem höchsten Ausdrucke zu Tage trat. Wie in dem hochaufragenden Baume die festgewordene Zeit, so steht uns in einem grossen Geiste die Ereigniss gewordene Entwickelung gegenüber, gleichgültig, ob wir ihre Dauer und ihre Glieder überschauen und bestimmen können oder nicht. In jedem Genius, dessen Familiengeschichte wir nicht kennen, wiederholt sich nur die Erscheinung des perte du Rhone bei Genf; wir sehen einen Strom aus der Erde brechen und vergessen, dass er seinen Weg unter dem Boden genommen, unbemerkt, aber nicht minder mächtig. Man forscht heute gern den Wegen nach, die einst der Handel genommen und sucht nach den Spuren jener Strassenzüge, auf denen der Verkehr dahingerauschter Zeiten sich bewegt hat. Warum sollte es sich da nicht verlohnen, den Bahnen nachzuspüren, die der Geist unter uns gegangen, die Wege zu erkunden, auf denen das Wissen in unserer Mitte Monatsschrift. 38. Jahrgang. 31