Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 38 (1893-1894)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Die Folgen des österreichischen Erbfolgekrieges für die Juden Kremsiers
- Date
- 1894-01-01
- Page
- Seite 331 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Folgen des österreichischen Erbfolgekrieges. 331 Wie manches Mädchen, verblühte während des langwierigen Brautstandes, wenn ihr Verlobter nicht unter den Häuptern der gezählten Familien war. Die nicht erstgeborenen Söhne zogen es vor, nach dem von dieser pharaonischen Massregel betreiten. Ungarn auszuwandern, um sich dort eine kümmerliehe Existenz zu gründen. So wurde durch das Heirathsverbot das erstrebte Ziel, die Verminderung der Juden, allmählich erreicht. Das Familiengesestz war der Ruin des berühmten jüdischen Familienlebens und dessen Grundveste, der Sittlichkeit; es löste die zartesten Bande der Liebe und Verwandten treue. Die Ent- Ziehung des Eherechtes öffnete allen Missbrauchen und Umtrieben Thür und Thor/ ”Welche trübseligen Erinnerungen knüpfen sich noch heute an diese, der Menschlichkeit und dem Rechte der Natur hohnsprechende Ehebescbränkung, deren Folgen die spätesten Enkel büssen mussten. Ja, für unzählige Familien bedeutete dieses erst im Jahre 1848 aufgehobene Gesetz, diese Ausgeburt des .Erbfolgekrieges, welches zu endlosen Erbschaftsprocessen Anlass gab, selber einen hundertjährigen Erbfolgekrieg. Als hätten der äussere Druck und die Verarmung nicht Reibungen genug in der Gasse hervorgerufen, wurde noch ein neuer Quell geschaffen, dem beständiger Zwist und Gehässigkeit entströmte, und der das moralische Leben der Familie vergiften sollte und auch vergiftet hätte, wenn nicht das Judenthum eine 1111׳verwüstbare ”Widerstandskraft besessen hätte. Wie überall bewegte sich auch hier das ganze vormärzliehe G־emeiudewesen innerhalb kleinlicher Streitigkeiten um die Verleihung der Geschlechts- oder Familienstellen, welche oft durch Schliche und Protection den Berechtigten entzogen wurden; es beginnt der Zeitraum der Paschawirthschaft des allmächtigen Vorstehers, der einen ihm unsympathischen Heiraths- ׳undPrüfungscandidaten zehn Jahre und länger durch den dienstfertigen Rabbiner!!Inhalten lassen konnte. Denn die Autorität der Gelehrsamkeit beugte sich vor der Aristokratie des Geldes, durch welches auch das höchste Ehrenamt käuflich war. Hur der Gelderwerb beschäftigte daher die besten Köpfe, während das Gebiet der wissenschaftlichen!Tätigkeit und geistigen Arbeit brach darnieder lag. Die Sorge um Geld und die Erlangung der Familie nahm alle Denkkraft in Anspruch und drückte, wie mit einem Hemmschuh, jeden hohem, idealen Aufschwung der Seele nieder.