Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 38 (1893-1894)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Eine Blutbeschuldigung um 1654 in Grosspolen und Jakob b. Naftali aus Gnesen als Sendbote zum Papste nach Rom
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
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90 Eine Blvitbescliuldigimg um 1654. zweifle nicht, dass noch manche Aufklärung aus den Archiven über diese Begebenheiten zu Tage kommen wird; bis dabin mag wenigstens der matte Schein uns leuchten, den eine vereinzelte Nachricht einer jüdischen Quelle zu verbreiten geeignet ist. In einem Autograph Mose Zacnto’s, einem Foliobande, :indem er seine Briefe, Gedichte und kleineren ]itterarischen Arbeiten in Abschrift für sich zu bewahren pflegte, besitze ich die Zeugnisse, aus denen mir zuerst über den Bericht Ganganelli’s ein Licht aufgegangen ist. In einem Briefe vom 26. Juni 1654 empfiehlt Zacuto, der alte Freund der polnischen Gemeinden, Jakob b. Naftali aus Gnesen den italienischen Glaubensbrüdern, die ihn in seiner grossen Sendung mit allen ihren Kräften unter•־ stützen sollen. Bas namenlose Unglück, das die Chmielnickysehe Verfolgung über die Juden Polens gebracht hatte, war in frischester Erinnerung. Mit einer Opferwilligkeit sonder Gleichen hatten, besonders von Venedig aus angeregt, die Juden Italiens an dem Hülfswerke der Unterstützung der Flüchtigen und der Auslösung der Gefangenen sich betheiligt1). Jetzt sollte eine neue Schreckenskunde sie ereilen. Noch hatte es in Polen wenigstens Eine Provinz gegeben, die von dem Würgen der Jahre 1648/49 verschont geblieben war und den Gejagten der übrigen Länder als Zufluchtsstätte hatte dienen können; es war Grosspolen. Ausgesogen und durch die unerhörten Opfer, die ihnen zugemuthet wurden, erschöpft, sollten aber die Gemeinden in diesem Lande jetzt einem furchtbareren Feinde zum Opfer fallen. Wie ein feuriger unheildrohender Komet war das Gespenst der Blutbeschuldignng an ihrem Himmel heraufgestiegen. Der alte Feind des Ghetto’s, die Jesuitenschüler, die studirende Jugend, war in den Städten, vor Allem in ihrem ״Neste“, in Gnesen, der Primatialstadt, wieder einmal über die Judengassen hergefallen; schwere Gefahr bedrohte die jüdische Bevölkerung, wenn nicht, rechtzeitig der wilden Bewegung Einhalt geschah. Wie einst im Mittelalter auf dem Gemeindetage in St. Gilles aus der Brust der von schweren Unheilsbotschaften vor dem dritten oekumenischen Concil Geängsteten der Ruf emporstieg: Wer wird nach Rom gehen ־), so liiengen hier Aller Blicke an dem Manne, der es auf sich nahm, zum Papste nach Rom zu wandern und vor seinem Throne um Gnade zu flehen für die unschuldigen Opfer einer blinden, wahnbethörten Verfolgung. Jakob b. Naftali, der Sohn des ף Kaufmann in Revue de etudes juives XXV, 202 ff. 0 שבט יהודה, ed. Wiener, p. 114: להסכים גד יעלה לרומי.