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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1893-01-01 · Heft 11 · p. Seite 497

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
37 (1892-1893)
Issue
Heft 11
Article
Über die Ursprünge und Grundformen der synagogalen Liturgie
Date
1893-01-01
Page
Seite 497 (sequence 9)
Language
German
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Ursprünge und Grundformen der synagogalen Liturgie. 497 Gottes allen Menschen gegenüber ist in neutestamentlicher Zeit unbestrittenes jüdisches Gefühl und drückt sich im Kreise der Essäer oft so aus, dass der heilige Beter sich als besonderer Liebling Gott, dem Vater Aller, nähert. So erscheint in Thaanith, Mischnah 19a und Talmud 23h, Onias, der Essener, und sein Enkel mit dem Ruf אבא, ganz wie Jesus im Neuen Testament. Aber schon in Jesaias 63, 16 und 64, 7 hat der Ruf ״Unser Vater!“ aus später nachexilischer Zeit eine Gott sich weihende Gemeinde von Betern zum Resonnanzboden! Und dieser sanfte Gemüthston klingt denn auch durch alle alten Gebete, besonders in dem lyrischen אהבה רבה, wieder. Kurzum, je weiter wir in der ältesten rabbinischen und hellenistischen Litteratur Umschau halten, desto mehr werden wir zu der Annahme hingedrängt, dass bei allem Schwanken der Bonn des Ausdrucks die Grundtypen der Liturgie durch Jahrhunderte dieselben geblieben sind. Diese Erscheinung aber lässt sich nur dadurch erklären, dass es eine bestimmte Klasse oder geschlossene Zunft gegeben haben müsse, deren Aufgabe es war, den traditionellen Stoff bei aller individuellen Breiheit des Gebrauchs zu erhalten. Nehmen wir nun die -Wunder wirkende Kraft wahr, die die Volkssage des Josephus den frommen Betern hei grossen Volkskalamitäten zuschrieb, beachten wir die Spuren und Trümmer poetischer Versuche mitten in der Prosa der Liturgie oder der talmudistischen Tradition — cf. Tanna debe Eiiahu Rabba 11 mit Aboda sarah 24h (ein vielleicht auf die Thoralade in Procession gedichteter Gesang, der sich schriftlich erhalten hat) — und ziehen wir die Bemerkungen über die Essäergesänge bei Philo —* der selbst, nebenbei gesagt, ohne Zweifel selbst Essäer war, wie gelegentlich nachgewiesen werden soll — in Betracht, so kommen wir zu dem Schluss, dass alle unsere Gebete, auch die. späteren poetanischen Alphabetarien, bis auf den Mystiker Elieser ha-Kalir, aus dem Kreis der Essäer, resp. der Chassidim in directer Traditio 11 skette stammen. Die frommen Begründer der jüdischen Colonie und der Synagoge schmolzen allmählich zu den drei Kreisen: von Mystikern, im Style des R. Simon b. Jochai und Pb. Simon b. Lewi, von Hagadisten im Style des R. Pinchas ben Jair und B. Simon Chassida und von Vorbetern und Liturgen zusammen, nachdem sie an die nachmakkabäische Pharisäerpartei und später an die werdende Kirche und die Gnostikersecten ihre Stärke und numerische Kraft abgegeben hatten.

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