Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Über einige dunkle Punkte in der Geschichte der Juden
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 396 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829640-2829650-2877759--25041-2877781- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
396 Dunkle Punkte in der Geschichte der Juden. seiner ersten Jugend stand. Herr Weiss, welcher in seinen Darstellungen eine gewisse Romantik liebt, zählt R. Eleasar zu den mittelmässigen Gelehrten, um den Abstand zwischen seiner ephemeren Würde und seinen Eigenschaften zu vergrossem; Frankel und Graetz dagegen, wenn sie auch nicht verkennen, dass er von vielen seiner Genossen überragt wurde, ziehen aus den im Talmud zerstreuten Mittheilungen ein bei weitem günstigeres Urtheil. Jedenfalls verdient R. Eleasar unsere Bewunderung, dass er am folgenden Tage nach seiner Erhebung mit der grössten Bescheidenheit den Vorsitz R. Gamliel überliess, sobald dieser sich mit seinen schwerverletzten Collegen ausgesöhnt hatte. Hier hält die Geschichte inne. Sicher scheint bloss, dass bei den Sabbat-Vorträgen in Jabneh R. Eleasar am je dritten Sabbat den Lehrstuhl bestieg. Aber unter welchem Titel? Da man in der zweiten Hälfte des zweiten christlichen Jahrhunderts einmal daran gewöhnt war, überall einen Präsidenten des Sanliedrins mit dem Titel Nassi und einen Vice-Präsidenten mit dem eines Ab-Bet-Din zu wittern, so macht der jerasalemische Talmud1) unseren R. Eleasar seit jener Zeit zum Ab-Bet-Din. Historisch ist dies gewiss nicht. Es war dies die künstliche Lösung einer Frage, ־welche viel natürlicher damit hätte beantwortet werden können, dass R. Gamliel die gutmüthige Nachgiebigkeit R. Eleasar’s damit belohnte, dass er ihn! am je dritten Sabbat zu predigen gestattete. Wir kommen ein anderes Mal auf die Anachronismen zurück, welche sich in dieser Hinsicht in die Geschichte der Juden eingeschlichen haben. Bemerken wir bloss schon jetzt, dass im babylonischen Talmud2), wenn auch nur gelegentlich, R. Josua als der Ab-Bet-Din R. Gamliel’s bezeichnet wird. Der Widerspruch zwischen den beiden Angaben wurde dadurch gehoben, dass man den Sohn Asaria’s sehr früh sterben liess und dass man die bekannten Worte3) כבן שבעים שנה durch J) Berachot IVr, 1 Ende. a) Baba, kamma 74b. 3) Berachot I, 5. Wir bemerkten bereits anderswo, dass für den richtigen Sinn dieser Misclmah nach זכיתי aus der Tosefta שאשמע eingeschoben werden müsse. R. Eleasar sagt also, er habe keine Tradition gefunden, nach welcher im שמע des Abend-Gebetes der auf den Auszug aus Egypten bezügliche Abschnitt (ויאמר) recitiert werden müsse, und so sei er genöthigt gewesen, sich mit der rabbinischen Deduction des b. Soma zu begnügen. Man kennt die Methode des R. Elieser, welcher zu ant- Worten pflegte: das habe ich gehört, oder das habe ich nicht gehört. Nach Juchasin, S. 33, wäre R. Eleasar ein Schüler des R. Elieser gewesen.