Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 37 (1892-1893)
- Issue
- Heft 6
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 283 (sequence 2)
- Language
- German
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Besprechungen. 283 Dieses letztere Moment tritt selbst in Zeiten, wo die gewaltsame Ausschliessung von aussen bei* za starrer Abschliessung nach innen unausweichlich drängte, unverkennbar hervor. Wie sehr man in jüdischen Kreisen nach dem Verluste der politischen Selbständigkeit and besonders nach dem blutigen Ende des Barkochha’schen Aufstandes auf Kom und alles Komische erbost sein mochte, obwohl die ״Weisen“ bemüht waren, bei dem Ausbau der schriftlichen Lehre, bei ihrer halachisehen und haggadischen Schriftauslegung auf dem Boden des Ueberlieferten zu verharren und alle fremden Einflüsse und Anschauungen von sich fernzuhalten, so sind solche dennoch in die rabbinische Litteratur unbemerkt eingedrungen, ohne freilich das eigentliche Wesen des Judenthums zu verändern. Denn Niemand kann sich der Einwirkungen seiner Zeit, der Einflüsse der ihn umschliessenden Atmosphäre vollständig erwehren. Die siegreichen makkabäischen Kämpfe haben das Griechenthum in Judaea nicht gänzlich vernichtet. Nur das Heidnische, nur was mit der jüdischen Religion und Sittenstrenge unvereinbar war, wurde zurückgewiesen. Die Sprache der Griechen behielten die Gebildeten bei, nnd in die Volkssprache, das Westaramäische und seihst in das Hebräische, dessen Pflege die Gelehrten sich angelegen sein liessen, drang eine Menge griechischer Wörter ein. Die spätem Haggadisten entlehnen rückhaltlos dem mit Latinismen stark vermengten byzantinischen Jargon zahllose Ausdrücke selbst da, wo ihnen hebräische zu Gebote standen, sicherlich, weil jene den Zuhörern geläufiger und verständlicher waren. Bei ihren gottesdienstlichen Vortragen, die uns freilich nur in kurzen Umrissen im Midrasch vorliegen, greifen sie kühn ins praktische Leben hinein und erläutern die h. Schrift durch Gleichnisse und Beispiele aus dem öffentlichen nnd Privatleben ihrer Zeit, durch häufige Hinweise auf byzantinische Sitten nnd Staatseinrichtungen oder bestimmte Vorkommnisse von actueller Bedeutung. Dadurch, dass sie das, was sie meinten, mit dem rechten Namen bezeiehneten, die ursprünglichen lateinischen oder griechischen Benennungen nnd nicht matte Ueber- Setzungen derselben gebrauchten, musste natürlich ihr Vortrag an Lebendigkeit gewinnen und die Aufmerksamkeit der Hörer rege bleiben. Dass durch die Kenntniss des Culfcurzustandes, des Staats-, Gerichts- und Beamtenweseus im oströmischen Reiche viele Midraschstellen verständlich werden, das ist längst durch die grundlegenden Arbeiten von Rapoport, Sachs und Perles zur Genüge bekannt und ist neuerdings von Dr. Julius Fürst sowohl in der Einleitung zu seinem ,,Glossarium graeco-hebraeum“ an einer langen Reihe von Beispielen, als auch unter vielen Artikeln des Lexikons mit Hinweis auf zeitgenössische griechische nnd lateinische Quellenschriften und neuere wissenschaftliche Darstellungen der hier in Betracht kommenden Zeitverhältnisse in erschöpfender Weise dargethan worden. Mit Benutzung der erwähnten gründlichen Vorarbeiten und auf Grund eigener Forschungen hat F ürst alle griechischen und gräcisierten lateinischen Wörter, soweit sie im Midrasch Vorkommen, gesammelt und zu erklären gesucht. Dass ihm manche Wörter entgangen sind, dass die Richtigkeit mancher seiner Erklärungen bezweifelt, manche seiner kühnen Conjecturen zurückgewiesen werden muss, schmälert nicht das Verdienst seiner Arbeit, da auf diesem Gebiete noch sehr Vieles dunkel ist. Seit vielen Jahren mit demselben Gegenstände beschäftigt, bin ich in vielen Punkten zu anderen Resultaten gelangt, und ich gestatte mir dieselben, im Anschluss an das Fürst’sche Buch, hier dem Urtheil der Eachgenossen vorzulegen. 19*