Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 36 (1887)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Parallelen aus der jüdischen Geschichte
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
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388 Parallelen aus der jüdischen Geschichte. Ursprünglich wurde der ewige Jude als eine wunderliche Apologie für die Wahrheit des Christenthums ausgespielt. Die Reformation hatte nämlich nicht nur einen unheilbaren Riß in die bis dahin straff zusammengehaltene Einheit des Christen׳ thums gebracht, sondern auch den grübelnden Zweifel wachgerufen. Das Kriegsgeschrei und der Schlachtruf herüber und hinüber: der Papst sei der Antichrist und Nom das sündenbelastete Babel, oder Luther sei das Satanskind und Wittenberg der Höllcnpsuhl, dieser Schlachtruf erschütterte die Gläubigkeit und erweckte den skeptischen Rationalismus. Fünfzehn Jahrhunderte hindurch Tag für Tag wurde Jesu Wiedererscheinen auf den Wolken des Himmels und das Eintreffen des jüngsten Tages erwartet, die Lebenden und die Todten zu richten und den ewigen Frieden zu bringen. Statt deffen war Hader und Zwietracht in die Christenheit eingekehrt, der Krieg Aller gegen Alle. Der Glaube und die Liebe und die Hoffnung schienen entschwunden zu sein. Da sollte der leibhaftig gesehene ewige Jude aushelfen, er, welcher Jesu Kreuzigung mit eigenen Augen gesehen haben und seitdem umherirren soll. Er sollte Zeugniß für die Wahrheit der neutestamentlichen Erzählungen ablegen wider die blinden Heiden und die verstockten Juden, aber auch wider die vom Zweifel heimgesuchteir Christen. Ein fchlesmiqer Bischof Paulus von Eitzen soll um die Zeit, als Luther starb,' den ewigen Juden, Ahasver geuannt, bei Wittenberg oder Han!bürg in elender Gestalt getroffen, mit ihm sich unterredet und von ihn! sein wohlverdientes herbes Geschick erfahren haben» weil er ein hartes Wort zu Jesus gesprachen hätte 1). Existirt der ewige Jude und bezeugt er die ») Die Sage bei den englischen Annalisten Roger von Wendower und Matthäus Parisiensik aus dem dreizehnten Jahrhundert von einem noch in dieser Zeit gesehenen wandernden Zeuge» von Jesu Kreuzestods stempelt diesen keineswegs als Juden, betont im Gegentheil, daß derselbe die