Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 36 (1887)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension] / R.
- Date
- 1887-01-01
- Page
- Seite 216 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Recenfisnen. *1« Bei so manchen andern philosophischen Werken genialen Ursprungs, daß die erste Fassung des Gedankens meistens die glü ä> lichste, die adäquateste ist, daß alle späteren Verbesserungen den Eindruck der Flickarbeit Hervorrufen. Wie schlicht und klar ist der Ausdruck in der ersten Ausgabe, gegen den sich die herzogliche Durchlaucht zuvörderst wendet. Da heißt es: ״Sokrates hat den Schöpfer und Erhalter der Dinge durch das reine Licht der Vernunft auf die lebendigste Art erkannt/' In dem Antwortsschreiben M'S. an den Herzog steht schon eine Version dieser Stelle, die uns weniger gefällt; Dort faßt M. den Gedanken so, daß er zu dem Superlativ ״auf die lebendigste Art" noch den andern ״das r e i n st e Licht der Ver« nunft" hinzufügt. Dieser Superlativ sagt weniger als der Po» sitiv. Denn er bedeutet nur, daß Sokrates das höchste Maß der dem Menschen überhaupt möglichen Vernunftklarheit besessen, aber er sagt nicht, daß dieses Licht absolut rein ist. Vollends in dem gegenwärtigen Text lautet der Satz ganz matt folgendermaßen: ״Sokrates hat Gott durch das unverfälschte Licht der Vernunft auf eine lebendige Art erkannt." Auf eine lebendige Art! Wir würden diesen dehnbaren, fast nichts sagenden Ausdruck bei dem vortrefflichen Stylisten Mendeisohn gar nicht recht verstehen, wenn wir nicht erführen, daß er ein schwächlicher Compromiß ist zwischen der ursprünglichen kühnen und klaren Fassung und allerhand Einwürfen der Kritik. Sehr schön heißt es in dem Briefe Mendelsohn'S: ״Sollte der größte Theil des menschlichen Geschlechts so verlassen sein, daß ihm sogar die Mittel nicht vergönnt wären zu wahren Tu׳ gend zu gelangen? Wenn die Religion dies lehrt, so gebietet sie zugleich ein ehrfurchtsvolles Schweigen, aber die Meinige lehret eS nicht." Mendelsohn betont auf's Schärfste seine Auffassung, daß jeder Mensch zur Tugend berufen ist, und macht