Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 35 (1886)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Gedenkrede auf Moses Mendelssohn bei der Feier seines 100jährigen Todestages am 4. Januar 1886 in der Neuen Synagoge zu Berlin gehalten
- Date
- 1886-01-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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Gedenkrede auf Moses Mendelssohn. 57 die gefammte gebildete Welt übte, war eine so mächtige, dem ges ammten Judenthum so überaus fördersame, daß die Menschenfreunde in Preußen und Deutschland nunmehr mannhaft für die Gleichstellung der Juden einzutreten begannen. Mit dieser Wandlung in ihrer äußeren Lage vollzog sich aber auch die höhere Wende in der Geistesentwickelung der deutschen Judenheit. Und da ״ ויציתו ה׳ לנגיד על עסוentbot der Ewige unfern Gefeierten zum Führer seines Volkes". Kein Führer zu Kampf und Streit, friedfertig und versöhnlich, wie Moses war, mußte er zu jedem Hervortreten auf den Plan, zur Abwehr selbst, geschweige denn zum Angriff, gedrängt werden, aber ein Führer zur Erkenntniß und Würdigung des Wahren und Schönen in unserem eigensten Besitze. Eine jede Schrift aus der zweiten Hälfte der schriftstellerischen Thätigkeit unseres Meisters hatte, weil zumeist religiösen Fragen gewidmet, das Jntereffe der jüdischen Kreise geweckt. Aber epochemachend wurde seine Uebersetzung des mosaischen Fünsbuchs und der dieselbe begleitende hebräische Commentar. Aus jener lernte das ״ עם טמא שפתיםdas Volk unreiner Lippen" (Jes. 6, 5) die Muttersprache in ihrer lauteren Mundart kennen und würdigen, durch diesen wurde das Verständniß für den einfachen Wortsinn, das Verständniß für die Schönheiten der Dichtungen im heiligen Schriftthume in weite Kreise getragen. Möge es uns erlassen bleiben, hier, an dieser Stätte heiligen Friedens, alle die Kämpfe darzustellen, welche um die Bücher Mose Dessau'S entbrannten; in Deutschland bilden ja die ספרי רט״ד längst nicht mehr das Schiboleth der kämpfenden Theilungen, und der Lichtscheueste selbst segnet heute Mendelssohns Andenken. Wie der Meister so voll und ganz in der Bildung seiner Zeit aufging, aber aus Herz und Seele dem väterlichen Bekenntniß und Gesetze treu blieb, also suchten