Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 34 (1885)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Die Schicksale des Talmud im Verlaufe der Geschichte
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 541 (sequence 13)
- Language
- German
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Die Schicksale des Talmud im Verlaufe der Geschichte. 541 Wahrlich, ein Comit« zur Veröffentlichung der Ethik des Judenthums, wie sie in den heiligen Schriften enthalten ist, ist ein völlig überflüssiges Werk. Die Ethik des Christenthnms und überhaupt der Culturvölker, hat sich erst durch die Bibel alten Testaments herausgebildet, ohne welche diese Völker noch in der Herzensverdorbenheit und Fleischeslust der Griechen und Römer stecken, in dem Blutdurst der Gladiatorenkämpfe schwelgen und an der Umnenschlichkeit gegen Sklaven, d. h. gegen alle, welche nicht zum Patricierthum gehören, Behagen finden würden. Und wenn auch einmal ein Ignorant in der Judenheit glaubt, daß die Lehren: ״Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", oder: ״Ihr sollt den Fremden lieben", sich nur im neuen Testamente befinden, so ist das kein Grund, mit vereinten Kräften die biblische Ethik zu beleuchten. Aber eine t a lmudische Ethik auszuarbeilen ist ein dringendes Bedürfniß. Es ist keine leichte Arbeit, weil bei dem Umfang des Talmuds, wobei nicht bloß der babylonische, sondern auch der jerusalemische, das Stiefkind, welches — wegen der ihm zu Theil gewordenen Vernachlässigung dem herben Geschick seines Bruders entgangen ist — hiueingezogen werden müßte, auch eine Riesenkraft nicht ausreichte. Nur vereinte Kräfte könnten diese Arbeit bewältigen. Ginge« weihte müßten sich zusammenthun und eineTheilung der Arbeit vornehmen. Männer des Geldes müßten das Unternehmen energisch fördern, gleichviel ob sie den Talmud noch verehren oder sich davon abgewendet haben. DieLetzteren haben es ja erlebt, wie auch sie für den-Talmud solidarisch verantwortlich gemacht worden sind. Eine Uebersetzung des Talmuds ist eine Unmöglichkeit, mit deren P rojektiren sich nur Charlatane brüsten können; aber die Bearbeitung der Ethik des Talmuds liegt im Bereiche der Aussührbarkeit.