Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 29 (1880)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1880)
- Article
- Beiträge zur vergleichenden Sagen- und Märchenkunde
- Date
- 1880-05-01
- Page
- Seite 216 (sequence 2)
- Language
- German
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216 Beiträge zur vergleichenden Sagen- und Märchenkunde. ״ES war einmal unter den Kindern Israel ein außerordentlich heiliger Mann. Er that kein Gebet, das nicht erhört worden wäre, und sein ganzes Leben war ein Muster von Tugend. Wenn er reiste, war er immer von einer Wolke begleitet, die ihm nicht nur Schatten gewährte, sondern ihm auch den Weg zeigte, indem sie vor ihm herging und regnen ließ, so oft er Regen wünschte. Sie war also zu gleicher Zeit sein Führer, sein Regenschirm und sein Wasserknig. Diese Wolke blieb ihm eines Tages aus. Er wurde darüber so betrübt und wußte gar nicht, womit er die Ungnade Gottes verdient habe. Des Nachts hörte er aber eine Stimine im Traume, die ihm sagte: Wenn du deine Wolke wiedersinden willst, so gehe zu einem gewissen König, erzähle ihm deine» Un> fall, bitte ih'n, daß er für dich bete,und Gott wird nicht ermangeln, dir auf dein Gebet deine Wolke wiederzugeben. ״Der heilige Mann, der seine Wolke nicht mehr zum Wegweiser hatte, mußte unterwegs viel fragen, um die Stadt zu finden, wo der König regierte. Endlich kam er daselbst an. Vor der Thüre des königlichen Palastes saß ein Kammerherr in großer Pracht, der fragte jeden, der hin kaut, was er wolle? Ich bin der heilige Mann, sagte dieser; ein armer Unglücklicher, der dem Könige seine Noth klagen muß. Das geht nicht, sagte der Kammerherr. Es ist heute Freitag, wo der König mit den Doktoren und Theologen streitige Fragen untersucht. Er kam am folgenden Morgen und erstaunte über die Menge der Großen, die sich um den Eingang des Palastes drängte. Wie läßt sich das, sagte er, mit der Heiligkeit dieses Königs vereinigen, der mir wieder zu meiner Wolke verhelfen soll? Endlich trat der Wesir in seiner Amtskleidung heraus und kündigte an, daß die Supplikanten hereintreteu könnten. Der heilige Mann ging also mit den Andern hinein und sah den König aus seinem Throne