Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 22 (1873)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Eine neue Charakteristik der Semiten
- Date
- 1873-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 2)
- Language
- German
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. 182 Eine neue Charakteristik der Semiten. zusammenhängenden Darstellung nicht das Meiste von den Anschauungen und vorgefaßten Urtheilen des Da rstellenden abhinge. Und was speciell die semitischen Völker betrifft, so ist die Kenntniß des vorhandenen Stoffes, aus dem die systematische Darstellung ihre Bausteine zu holen hat, nicht so leicht zu erlangen, das Erlangte schwer zu überblicken und zu benutzen. Wer ,die Semiten schildern will, muß die Farben zu seinem Bilde aus allen Geschichtszeiten bis auf die Gegenwart herab nehmen, er muß mit den Völkern der Bibel ebenso vertraut sein, wie mit den arabischen Welteroberern des Mittelalters, er muß vor Allem das unvergängliche Glied der semitischen Race, die Juden, nach jeder Richtung hin kennen und würdigen. Diese Bedingungen aber vereinigt der Verfasser vorliegenden Versuches in reichem Matze. Er kennt nicht nur Geschichte und Leben seines eigenen Stammes — er bekennt sich selbst mit anerkennenswerthem Freimuth als Semiten, — sondern ist durch seine Wissenschaft mehr als ein Anderer dazu geeignet, auch die nach Raum und Zeit ferner liegenden semitischen Völker mit richtigem Verständniß beurtheilen zu können. Herr Prof. Chwolsohn ist einer der hervorragendsten Kenner der semitischen Literaturen, und da er auf seinem Gebiete mehr Culturhistoriker ist als Linguist, so mußte sich seinem scharfen Blicke der Charakter der verschiedenen semitischen Nationen leichter erschließen, als etwa Rönan, bei dem eine gewisse die sprachlichen Momente am meisten berücksichtigende Einseitigkeit unverkennbar ist. Auch büßen die aus der Sprache gezogenen Argumente für die Charakteristik der Völker ihre zwingende Autorität ein; man sieht ein, daß die Sprache zwar ein bedeutender, aber doch kein wesentlicher Faktor im Volksleben ist, daß sie nur eine der Seiten ist, in welchen dieses Leben sich offenbart. Die Charakteristik eines Volkes oder eines Völkerstammes kann daher nur dann vollständig ausfallen, wenn sein Charakter von allen diesen Seiten beleuchtet nnd dargestellt wird. Die Chwolsohn'sche Arbeit erfreut sich des Vorzugs solcher Vollständigkeit und verdankt sie zumeist der richtigen Grundlage, auf welcher die Darstellung sich aufbaut. Die Eigenthümlich keilen eines Volkes rühren von vier Grundursachen her: von der Beschaffenheit seines Verstandes, von der seines Herzens und Nervensystems, von dem Verhältniß beider zu einander, und endlich davon wie die Geistes-