Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Salomon Ludwig Steinheim
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 458 (sequence 3)
- Language
- German
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458 Salomo» Ludwig Steinheim. dem großen Lande eine freiheitliche Idee zum Durchbruch kam, und auch für die Juden eine bessere Zeit anbrach, so war das mehr ein Geschenk der Herren, denn eine Errungenschaft des Volkes. Der enge Geist, der so lange die Deutschen gebunden hielt, der sie trotz aller Freiheitsdeklamationen so feig und senil erscheinen ließ, er entspringt aus den engen politischen Verhältnissen, in denen sie lebten; wie diese Duodezvaterländchen im Koncert der Völker ohne Bedeutung waren, so fehlte ihnen auch Initiative in den großen Freiheits- und Rechtsfragen, die zum völligen Austrag nur kommen können, nachdem die Deutschen sich zu einer Nation zusammen geschlossen haben. Rechnen wir Juden unfern deutschen Brüdern die unerfreulichen Vorgänge, welche in den dreißiger und vierziger Jahren in so vielen Ständeversammlungen sich wiederholten, nicht zu hoch an. Sie litten eben so empfindlich unter dem Zustand politischer Verwahrlosung als wir; und wie denn bekanntlich Knechte am schliinmsten knechten, so hatten wir es besonders schlimm in deutschen Landen, die alle, die einen mehr, die andern weniger, unter fremdem Einfluß standen. Der Zustand der Unfreiheit erzeugte jene Jnteressenpolitik, wo man kalkulirte, ob nicht jedes kleine Recht, daß man den Juden gewährte, oder vielmehr jedes Unrecht, das man von ihnen nahm, den christlichen Bürgern irgend eine Einbuße bringen könnte; und über dieses Motiv des Eigennutzes, das zuweilen auch ganz offen vorgebracht wurde, bauschte man eine ganze Menge von Phrasen, die aber trotz ihrer Ueberzahl zu dünn und durchsichtig waren, um den eigentlichen Beweggrund zu verdecken. Daß es die durch die frühere Zerrissenheit gebotene Kirchthumspolitik war, welche der jüdischen Forderung auf Gleichstellung im Wege stand, beweist an! besten die Stellung der freien Reichsstädte zur Judenfrage. Nirgendswo in Deutschland erreichte die Lieblosigkeit gegen die Juden die Höhe wie in diesen sogenannten Republiken; denn hier, wo die Kreise der Verwaltung die engsten waren, und wo auch der liberale Sinn eines Fürsten nicht im Wege stand, wurde diese Rechtsfrage ganz unverhohlen vom Standpunkte der Nützlichkeit behandelt und rrach dein Grundsätze, daß möglichst wenig Konkurrenz das Geschäft sichert, beseitigt. Aber, und auch dieses Moment ist nicht ganz außer Acht zu lassen, die Härte, mit welcher die Juden in Deutschland von den