Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Salomon Ludwig Steinheim
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 457 (sequence 2)
- Language
- German
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Solomon Ludwig Stemheim. 457 läge die Abneigung in den Wurzeln der verschiedenen Volksthümer, so mußte sie gerade jetzt um so stärker Hervorbrechen, wo Deutschland zu nie geahnter Machtentfaltnng und Größe sich aufgeschwungen hat. Der Grund liegt vielmehr einfach darin, daß im engen Kreise sich der Sinn verengt, daß der Kastengeist der Partikularisnius jeder Reform, jeder durch die Sittlichkeit gebotenen, aber den Spießbürger in seiner Gemüthlichkeit, in seinen Vortheilen und in seinen Vorurtheilen störendeu Neuerung abhold ist. Nirgendswo ist Nepotismus so zu Hause, als in der Verwaltung der Städte; je weiter der Kreis wird, um so schwächer wird der Einfluß persönlicher Interessen, um so mehr wächst die Macht der Gerechtigkeit und der sittlichen Idee. Ein großes Volk ist viel leichter g erecht, ja in der Waltung edler Leidenschaft großmüthig zu sein, als eine kleine Provinz, die immer berechnet, wie hoch dieser Akt der Gerechtigkeit und des Edelmuthes jedem Einzelnen gu stehen kömmt. Dieser Kalkül macht engherzig und ungerecht. Ohne die Noblesse zu verkennen, welche die französische Nation auch in ihrem Sturze und ihrer Verödung mit verklärendem Schimmer umstrahlt und welche sie so oft befähigt hat, an der Spitze der Nationen zu marschiren im Kampfe gegen ideale Güter, ohne zu verkennen, wie viel Antheil dieser noble Zng auch an der Judenemancipation hat, entscheidend eiugewirkt hat der Umstand, daß sie nicht in den einzelnen Provinzialvertretungen, sondern in der großen Nationalversammlung zur Verhandlung kam. Das gewaltige Rauschen der Begeisterung für die Gleichheit vor dem Gesetze übertönte dort die schwachen Laute, in denen der Eigennutz und das Uebelwollen über verletzte Interessen klagte. Es scheint uns unzweifelhaft, dieselbe Nation, die in ihrer Gesammtvertretung befragt, so hochherzig den Unterdrückten ihre Reihen geöffnet hat, hätte sich weit anders entschieden, wenn jeder einzelnen Stadt die Ordnung dieser Dinge wäre überlaffen worden. Und so ist es auch in Deutschland nicht zufällig, daß erst mit dem Sturz des Partikularismus, daß erst in unfern Tagen der Sieg der jüdischen Rechtsansprüche ein vollständiger geworden ist. In dem zerklüfteten Vaterlande da gab es nur Rechte, aber kein Recht, Freiheiten, aber keine Freiheit; wenn hie und da in