Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 21 (1872)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Der Fettmilchische Aufstand in Erfurt 1612-1616
- Date
- 1872-01-01
- Page
- Seite 236 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829416-2829422-2866509--14122-2866559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
236 Der Fettmilchische Aufstand in Erfurt 1612—1616. Per Jettmil'chische Uufstand in Lrfurt 1612—1616. Ueber diesen Aufstands in dem die Juden so viel zu leiden hatten, liegt uns jetzt vom Professor und Stadt-Archivar Dl-. Kriegk in seiner Geschichte von Erfurt eine ausführliche Relation (237—418) vor, die das von Schudt und Anderen bereits Mitgetheilte ergänzt und es ist daher nicht überflüssig, das die Juden Betreffende auszüglich und im Zusammenhang mitzutheilen. Die Ursachen des Aufstandes waren hier wie bei allen Revolutionen die Mißbräuche des Patriziats, in dessen Händen die Negierungsgewalt lag und die Zerrüttung der Finanzen. Das Verhältnis; der in Erfurt ansässigen Juden zu der Bürgerschaft trug mit dazu bei, den Aufstand hervorzurufen. Die Zahl der Erfurter Juden war beim Ausbruch der Revolution gegen 2000 Seelen und dieser geringe Theil der Einwohnerschaft war im Besitze des meisten baaren Geldes, während die christlichen Bürger, mit Ausnahme der patrizischen Grundeigenthümer und der Groß- Händler mehr oder weniger, in Folge der östern Kriege, verarmt waren. Der Glaubenshaß gegen die Juden war sehr stark; jedoch machten die Bürger einen Unterschied zwischen dem ächten oder biblischen und dem talmudischeu Judenthum. Vor jenem hatten sie Achtung, dieses aber hielten sie für eine Religion des krassesten Aberglaubens, welche Haß predige, ferner Betrug und Hinterlist lehre. In der Beschwerdeschrift der Bürger von 1612 ging man sogar so weit, zu behaupten, die deutschen Juden seien gar nicht aus dem alten Stamm Israel entsprossen und zeigten sich scheu, weil sie diesem an Zugehören vorgeben, als Betrüger. Zu den thätigen Elementen dieser Revolution gehörten: die Neformirten, welche erst vor 60 Jahren nach Erfurt gekommen waren und vom Rath stets als Fremdlinge und Irrgläubige angesehen und behandelt wurden. Auch das Haupt des Aufstandes, V i n c e n z F e t t m i l ch gehörte dieser Confession an, die Sachsenhäuser und der größte Theil des Handwerkstandes und ihre Gesellen. In den ersten Beschwerdeschriften an den Rath verlangten die Bürger die Mittheilung der städtischen Privilegien, die Errichtung eines Kornmarktes und den Bürgern das jüdische Joch vom Halse zu nehmen und die Juden aus der Stadt zu treiben.