Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Über Beurtheilung von Zweck und Absicht bei Übertretung religiöser Verbote nach dem Talmud
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 545 (sequence 4)
- Language
- German
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religiöser Verbote nach dem Talmud. 545 ten belehrt ein geläutertes historisches Bewußtsein; wir sind zur Erkenntniß gekommen, daß, wie in der Natur, so auch im Reiche des Gedankens eine Entwickelung statt findet, daß ein Gedanke im Fortgange der Zeiten nicht derselbe bleibt, sondern umgestaltet und ausgebildet wird. Es wäre daher mehr als Thorheit, die Spsiphusarbeit der Ausgleichung der Widersprüche von Neuem zu beginnen. Es nmß vielmehr unsere Aufgabe sein, durch die Widersprüche angeleitet den Spuren nachzugehen, auf welchen ein Begriff den Weg zu seiner weitern Entwickelung genominell. Nach Raum und Zeit zu sondern, anstatt diese Unterschiede zu verwischen ist unser Ziel. Dabei erleidet jenes vermeintliche Streben nach Einheit der Halacha keinen Abbruch, da thatsächlich das Bestrebeir jedes Denkers sich in Uebereinstimlnung mit allen voraufgehenden Meinungen zu versetzen, eine nelle bunte Mannigfaltigkeit in größerer Potenz erzeugte. An Stelle jener durch den Pilpn! scheinbar geschaffenen Einheit muß jetzt die Sonderung treten, wodurch der sich immer neu erzeugenden Verschiedenheit Einhalt gethan wird. So giebt es über unsere, wie über jede andere talmudische Materie verschiedenartige Auffassungen, sogenannte שט1ח, deren jede aus dem versuchten Ausgleiche aller über einen Gegenstand vorkommenden Stelleil im Talmud entspringeil. Anders ist das halachische Resultat nach Raschi, anders nach R. Jakob Tam, anders nach R. Isaak dein Aeltern, von diesen wieder verschieden die Decisioil des Maimonides, so daß die letzteil Eodificatoren eine schwierige Auswahl und zwar unmöglich widerspruchslos zu treffeil hatten. Wenn wir aber sehen, daß diese Methode liicht zum Ziele führt, so dürfeir wir nicht glauben, die Arbeit jeiler Männer ivar eine vergebliche, vielmehr siild durch dieselben die talmudischeil Begriffe inehr und mehr geklärt worden, denil jeder Dellker hat beit Begrff selbstständig durchdacht, neue Gesichtspunkte aufgestellt, viele dunkle Stellen erhellt, unb es dürfte kaum vlöglich sein, zur Klarheit über eine Materie zu gelangeil ohile Kenntlliß dieser Borarbeiteil. Tenn auch der Jrrthum ist belehrend. Auf die Arbeiten der vorangegailgeuen Geister gestützt, kömmn wir eine wisseilschaftliche Behandlung eines talmudischen Begriffes unternehmen. Frankel, Monatsschrift. XX. 12. 36