Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Über Beurtheilung von Zweck und Absicht bei Übertretung religiöser Verbote nach dem Talmud
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 543 (sequence 2)
- Language
- German
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lieber Beurteilung von Zweck und Absicht bei Uebertretung 543 teu blendend dergeichen Ausgleichungen sind, welche für den ersten Augenblick bestechen und Bewunderung erregen, so fühlt doch der unmittelbare Wahrheitssinn das Unwahrscheinliche und die Künstlichkeit dieser Auflösungen heraus. Sie halten auch eine gründliche Prüfung nicht aus. Doch versteht man gewöhnlich unter Pilpulisten die letzten Aulaufer dieser Methode, gießt über diese seinen Zorn aus und läßt den ältern Commentatoren des Talmud (ראשונים) so wie dem Talmud selbst volles Recht widerfahren. Aber es ist unseres Erachtens nicht gerecht, den Urheber einer That zu loben und den Vollender zu tadeln, die Frucht für giftig und die Pflanze selbst als uirschädlich zu erkläreu. Denn der Pilpul war die nothwendige Consequenz des Talmudstudiums. Wie dieses nach Schluß der Mischnah seine Aufgabe darin suchte, widersprechende Normen derselben auszugleichen, eigene Meinungen in die kurz überlieferten Sätze hineinzudeuten, so ging dieses Streben nach Ebenung und Ausgleichung der Widersprüche bis zu den letzten Ausläufern des Pilpul fort. Wohl ist es wahr, daß dieser viel verziveigter, haarscharfer, wenn man so sagen kann, ausgespounen ist; aber das liegt in der Natur der Sache. Denn jede Lösung eines Widerspruches häufte Widersprüche, so daß sie hydraköpfig wuchsen und es daher künstlicher -nur׳falle,r mußte, die verwickelten Widersprüche zu lösen, als die einfachen. Daß aber der babylonische Talmud schon ausgebildeten Pilpul hat, zeigt eine Vergleichung desselben mit dem jerusalemischen,!vorüber das treffliche Werk Frankel's מבוא הירושלמי klaren Aufschluß giebt'). Aber auch der Jeruschalmi ist von Ausgleichsversucheu und manchural gezwungenen Erklärungen der Misch na nicht frei (s. Baba Kama 3, 10 Ende). Da wir aber nicht zu denen gehören, die das Geistesproduct von Jahrtausenden, die Arbeit unserer besten Köpfe gering schätzen, sondern mit Ehrerbietung und Pietät an die Geistes- ') Vgl. das. S. 32 b ff. addit. 147, 148, vgl. auch Jeruschalmi Sabbat 19 H. 4 רב אדא בר אהבה אמר זו דברי ר״א ור״י אבל רבר׳ ר׳ יום׳ mit der künstlichen Erklärung des Babli Succa 42, daß die Erklärung des Jeruschalmi in der Mischna Succa mit den בללי משוה übereinstimmt, vgl. Hodegetik 274. Es erledigen sich auch dann die von Lipmann Heller und R. Akiba Eger zu Mischna Sabbat 1 aufgeworfene Fragen פשט ה-ני אה ידו לפנים.