Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 20 (1871)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und halachisch-exegetischen Sammlungen während der Tannaim-Periode
- Date
- 1871-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 13)
- Language
- German
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170 Veranlassung, Zweck und Entwickelung der halachischen und so doch die Ergebnisse jener nach gewissen Maaßstaben zu Normen zu erheben. Dieses Ziel wurde nicht nur angestrebt, sondern auch erreicht. Wäre ja sonst auch keine vollständige codificatorische Redaktion möglich gewesen. Die vielen nach der Synode aufgeworfenen und in verschiedenem Sinne entschiedenen Fragen wären ja sonst ungelöste Fragen geblieben. Indessen darf man nicht aus dem Auge verlieren, daß solche Entscheidungen, weil nicht von allen Autoritäten nach gleichem Maaßstabe vorgenonnnen, nicht eigentliche Verständigung genannt, noch weniger mit der auf eine Linie gestellt werden können, die auf der Synode erzielt war. Die Frage drängt sich daher nochmals heran, woran liegt es, daß man jetzt weniger als früher eine Verständigung für nöthig erachtet hat? Wie hat man es sich zu erklären, daß eine ähnliche Erscheinung, die früher eine verzweifelte Gemüthsstimmung erzeugt hatte, jetzt beinahe ganz unbeachtet fortbestehen blieb? Diese Fragen sind leichter zu beantworten, als es beim ersten Blicke scheint. Indem die Schulstreitigkeiten das auf der Synode geschaffene Correctiv zur Basis hatten, von der sie ausgingen und zu der sie zurückkehrten, waren sie sich, trotz ihrer sonstigen Uneinigkeit, ihrer Zusammengehörigkeit und ihres gemeinschaftlichen Bodens bewußt. Die Autoren selbst betrachteten ihre Ueberzeugungen als individuelle Ansichten. Diese verloren daher auch in ihrem Auge nicht ihren eigentlichen Charakter; wenn auch jene hiermit keineswegs ihre Ansprüche auf alleinige Gesetzesgültigkeit ihrer Entscheidungen aufgaben. Die Herleitung der Richtigkeit seiner Ueberzeugung von rein subjektiver Auffassung der allgemein heilig gehaltenen Quellen, des Correctivs und des Bibelwortes, gerade dieser Umstand verlieh den Differenzen den Charakter von Schulstreitigkeiten. Dazu kanr die Mannigfaltigkeit der maßgebenden differirenden Autoren, ferner die Reichhaltigkeit der betreff senden streitigen Objekte; beide Umstände erhielten die neuen Halachahprodukte im beständigen Fluß und ließen die Bildung bestimmter Richtungen in der Praxis nicht aufkommen. Anders war es früher. Die Schulen Schammai's und Hillel's hatten keine gemeinsame, breite und feste Grundlage zum Ausgangspunkt. Die eigene Ueberzeugung niachte daher auf Objektivität und folgerichtig auf ausschließliche Geltung Anspruch. Die so gerühmte