Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 19 (1870)
- Issue
- Heft 5
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 235 (sequence 2)
- Language
- German
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Recensionen. 235 Trugbild: sie glauben Christus zu vernehmen und hören die Eingebungen ihrer Hegelei, ihres philosophischen Systems, ihrer religiösen und socialen Ideale. . Die Evangelien können aber nicht als geschichtliche Quelle dienen, weil sie einzig und allein eine Theogonie des Gottessohnes, eine Apotheose des Gottmenschen sein wollen! Der Held der Geschichte schwebt so sehr zwischen Himmel nnd Erde, verhüllt in dem Glorienschein eines phantastischen Mythos' späterer blindgläubiger Anbeter, die Darstellung setzt sich in einem solchen Maße über die Kategorien von Raum und Zeit hinweg, daß die Kritik hier keinen Boden für ihre Arbeit hat, und von anderweitigen Controllen fast ganz im Stiche gelassen, wohl nie den unbestreitbar richtigen Kern des Historisch-Wahren herausfinden wird. Sobald wir die Aufschrift der Evangelien lesen, ״dies ist das Buch, die Geschichte des Gottessohnes oder des Logos;" so sagt uns allbald der gesunde Sinn, daß wir es hier mit einer Dichtung, mit einem Mythos zu thun haben, woran wohl der blinde Glaube festhalten mag, der aber von vornherein jede kritische Untersuchung ausschließt. Es kann und darf deshalb die Verschiedenheit der Darstellungen und Berichte mit all den zahlreichen Widersprüchen im N. T. nicht im Geringsten Wunder nehmen; denn auf die Schöpfungen und Gebilde des dichterischen Geistes laßt sich gewiß mit vollem Rechte das alte Wort anwenden: duo qui faciunt idem, non est idem! Der Jesus des Johannes ist ein Wesen von ganz anderer Natur und Art, als der der Synoptiker. Und wenn wir gleich die historische Persönlichkeit Jesu außer Frage stellen, so steht doch fest, daß der Gottessohn der Synoptiker und der Logos nnd Monogenes des Johannes, wie der Adam Kadmon des Paulus, der Demiurgos und die Doxa der Gnostiker in Wirklichkeit nichts anderes sind, als Gebilde der Einbildungskraft und der Reflexion, die mit denr historischen Christus, wie er leibte und lebte, nichts gemein haben. Jedes Jahrhundert, jedes Concil, jede Kirche und jede Sekte bis auf die Gegenwart mit ihrem neuen Dogma von der unbefleckten Empfängniß und dessen Gegensatz; dem ״Leben Jesu" von Strauß und Renan schuf sich ä son ai8e ihren Christus und negirte natürlich 60 ip80 die Existenz des Vorangegangenen. Es bleibt fast nichts arideres übrig, als mit den Rabbinen des Mittelalters, die oft bei öffentlichen Disputationen wegen der widersprechenden Angaben im Talmud in die Klemme geriethen, zu antworten: