Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 19 (1870)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Kritische Analyse einer Mischnah und Boraitha
- Date
- 1870-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 6)
- Language
- German
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80 Kritische Analyse einer Mischnah nud Boraltha. würden sich gewiß auf keine femere Diskussion eingelassen. Bei solchen entgegengesetzten Ausgangspunkten ist keine gegenseitige Ueberzeugung möglich. Da sie aber nur die Entscheidung, ohne Begründung, gehört hatten, fragten sie ihn überrascht: ״Wie, erlangt der Sklave hierdurch nicht seine persönliche Freiheit? (Bora'itha 1.) Aus dessen concreten Erwiderung bemerkten sie gleich, welche Kluft sie von ihm trenne. Sie sahen nur noch die Unmöglichkeit ein, ihn zu ihrer Ueberzeugung hinüberzuziehen, meinten aber im ersten Augenblick, ihn auf seinem eigenen Standpunkte bestreiten zu können. Nachdem er nun ihren ersten Angriff zurückgewiesen hatte, gaben sie jede fernere Polemik auf, da diese doch nicht zum Ziele führen konnte. So haben wir uns, nach dem authentischen Bericht der Bora'iiha, den historischen Hergang der Diskussion zu denken. Die Darstellung der Mischnah steht bannt nicht im Widerspruch. Die Aufgabe des Mischnahredakteurs ist nicht, den historischen Verlauf der Diskussionen, sondern die aus denselben resultirenden Normen mit oder, was häufiger geschieht, ohne Begründung mitzutheilen. Für seinen Zweck fand derselbe es hier besser, die diskutirten Motive kurz und in anderer Reihenfolge darzustellen. Er läßt so die Chachamim, deren Ansicht er zu der seinigen macht, zuerst ihren Hypothetischen Einwurf als ihren Grund entwickeln, um dann, nachdem dieser widerlegt wurde, mit ihren wirklichen, ursprünglichen Grund an den Tag zu kommen. מפני שהוא קנינו sagt hier in negativer Form, was in der Bora'itha 'והלא זכות הוא וכו in positiver ausdrückt. Maimonides hat sehr richtig gesehen, wenn er in den betreffenden Worten der Mischnah keine direkte Widerlegung des letzten Einwands findet. Er irrt aber hierin, daß er in diesen Worten überhaupt eine Antwort auf den letzten Einwand sieht. מפני שהוא קנינו bezieht sich auf die Entscheidung אבל לא בשחרורי עכהים, und der Sinn ist: Darum erkennen wir dem Herrn das Recht nicht zu, die Freilassung zurnckzunehmen, ״weil" die Sklaverei das größte Unglück ist, indein ״der Betrefsende nur als Eigenthum des Herrn betrachtet wird". Hier ist natiirlich zu ergänzen: Die Freilassung ist daher für den Sklaven der größte Vortheil und daher auch, auf Grund des bekannten Nechtsgrundsatzes, schon im Airgenblicke der Aushändigung überhaupt gesetzlich vollzogen. Dr. Dünner.