Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 168 (sequence 13)
- Language
- German
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168 Die religiösen Bewegungen der Gegenwart solches thut, halten wir für einen — Narren, der keines consequenten Denkens und Handelns fähig; er müßte denn die Beschneidung selbst für überflüssig erkären. Aber wir haben noch eins! Ueber, oder wenigstens n eben allen, auch den prinzipalsten Unterschieden und Gegensätzen haben wir noch ein Kriterium: Das jüdische Herz! Die Erfahrung lehrt's hundertfällig, daß es unter den radikalsten Gegnern des gesummten Thora-Inhalts noch Männer gibt, die ein sehr warmes Herz für die Ehre, das Recht, das ideelle Erstgeburtsrecht des Judenthums haben — und die Erfahrung lehrt, daß der Orthodoxe (vom fanatischen Chassid reden wir nicht) solche Männer doch noch zu den Unsrigen rechnet, ja in einer Falte seines Herzens das lebendige Bewußtsein hegt, daß sie trotz alledem den Vorrang vor dem ״bösen guten Juden" haben, und zwar nicht b l o ß in allgemein moralischer Beziehung, wo er dies laut bekennt! Er hat ja auch dafür seine Gründe: ״obgleich er gesündigt hat, ist er Israelit", ״wer den Götzendienst negirt, heißt Jude" und dergl.; und hätte er diese Sätze nicht, nun denn, in Gottes Namen, so ist eine Ehre der andern und eine Jnconsequenz der andern werth! Wie anders im Christenthum, wo der ״Glaube an den dreieinigen Gott" dem Orthodoxen das unverrückbare Schibolet an die Christlichkeit, wonach er die Zugehörigkeit zur Christenheit bemißt, wonach der Altlutheraner auch den Katholiken oder Baptisten als Glied der Kirche anerkennt, aber nicht weiter! Dagegen finden wir eine andere, freilich oberflächliche, Aehnlichkeit in den heutigen Zuständen der Kirche und der Synagoge. Während dort die Parteien einander nicht verstehen, ist es bei uns dahin gekommen, daß viele von dem Streite nichts mehr verstehen; die Unwissenheit ist so groß geworden, daß kein vernünftiges, einigermaßen begründetes Urtheil abgegeben werden kann. Daß dies ein großer, der größte, Uebelstaud ist, ist oft genug bewiesen und beklagt. Ob uns der Trost geblieben, daß es bei der jüngsten Generation so schlimm bereits geworden sei, daß es nicht noch schlimmer werden könne, also nach unverrückbarem Gesetz der Geschichte (wenigstes der Geschichte Israels, des unvergänglichen) sich zum Besseren wenden müsse — wollen wir nicht entscheiden. Gewiß ist, daß ein Eintreten in die Bewegung auch dieses Grundübel heilen wird. vr. Treuenfels.