Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die religiösen Bewegungen der Gegenwart und das Judenthum
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 157 (sequence 2)
- Language
- German
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Die religiösen Bewegungen der Ge genwart und das Judenthum. 157 tung kommt; schon wieder zeigt sich jene Erregbarkeit, jene ״Kitzlichkeit," die in religiösen Dingen nicht mit sich spielen und sich nicht vergewaltigen läßt, die auch in früheren Zeiten, während in politischer Beziehung der schnödeste Druck ertragen wurde, oft um Kleinigkeiten, wie Gesangbücher und Katechismen, so energisch auftrat, daß der schroffste Absolutismus vor ihr die Waffen strecken mußte. Es ist anzunehmen, daß die religiöse Bewegung, einmal in Fluß gerathen, nicht sobald zum Stillstand kommen, sondern größere Dimensionen annehmen wird. Lange Jahrhunderte hindurch hat das Judenthum keinen Antheil an den religiösen Bewegungen und Kämpfen der Christenheit genommen, weder passiven noch aktiven; es hat dieselben nicht beeinflußt, hat über sie nicht einmal ein öffentliches Urtheil abgegeben und ist von ihnen in seinem Innern nicht berührt worden. Leiden, welche Religionskämpfe über die Juden gebracht, Befreiungen, welche diese dem Einschlagen freierer Richtungen im Christenthum verdankten, kommen hier nicht in Betracht. Selbst die größte und folgenreichste Bewegung, die Reformation, zeigt keinen merkbaren Einfluß. Wir suchen vergebens nach Spuren, daß diese gewaltige Umwälzung der Geister auf das jüdische Denken, die jüdische Literatur, eingewirkt habe; wir suchen nach einer Erklärung dieser Thatsache, welche für das Judenthum wenig schmeichelhaft ist und seine Abgeschlossenheit in trübstem Lichte erscheinen läßt. Wir glauben die Erklärung in drei Umständen zu finden. Einmal darin, daß die Vorläufer der Reformation, die Hussiten, über die Juden nur Elend gebracht: גורות האוווות daß man sich daher vor der neuen Bewegung fürchtete und angstlich zurückzog. Sodann darin, daß gerade die Hauptsitze der Reformation, Brandenburg, Sachsen, Norddeutschland überhaupt, nur sehr spärlich, Holland und England zur Zeit gar nicht von Juden bewohnt waren; drittens waren die Juden Deutschlands im sechszehnten Jahrhundert bereits in geistige Abhängigkeit von den polnischen gerathen, in Polen kannte man nur Talmud und Sohar, dort kamen auch gerade die Rabbinen in gar keine Berühmng mit christlichen Gelehrten, weder mit katholischen, noch mit Dissidenten. H So bleiben nur einige größere süd-deutsche Ge- R. ') Vergl. dagegen Graetz Gesch. IX. S. 489 u. fg.