Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Die Bernickel-Gans
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Bernickel-Gans. Ein mittelalterlicher Mythus. 89 schon die neue Schrift gelesen? nicht wahr, schön, sehr schön! Und wie gelehrt. Was waren doch die Rabbinen dumm I" Es betrifft nämlich die Schrift: ״Die jüdischen Wirren in Ungarn." Ja gewiß wir müssen auch ob der horrenden Gelehrsamkeit staunen! ״Die Adepten dieses Werkes, des Schulchan Aruch, erfahren mit leichter Mühe, daß die Zuckerbrode kein Jndustrieprodukt, sondern eine Frucht sind, die nur vom Baume gepflückt zu werden braucht; — daß der Moschus nicht in der hinter dem Nabel befindlichen, blasenförmigen Hauleinsackung des Bisambockes abgesondert wird, sondern in der Kehle desselben; — daß es eine Species von Vögeln giebt, die wie Aepfel an den Bäumen wachsen, über deren Reinheit sich aber die Schristgelehrten nicht einigen konnten." Beneidenswerther Polyhistor! Warunr bewirbst Du Dich nicht um den vakanten Lehrstuhl der Archeologie? Du könntest Deinem Vaterlande zur Zierde gereichen. Aber nimm Dich in Acht, Seitenzahl oder Paragraph zu citiren, sonst könnte man Deine Belägstellen nachschlagen und Dich auf einem Falsum oder bei einer beschämenden Unwissenheit ertappen. Doch weg mit dem Spotte! Die trüben Erscheinungen sind nicht dazu angethan, zu lachen. Wir wollen im Ernste sprechen. Ausdrücklich wird Orach Chaim, Ab. 102 § 15 nebst den Commentaren hervorgehoben, daß der Zucker aus dem Safte des Zuckerrohrs gewonnen und׳ erzeugt wird. In Betreff des Moschus, Orach Chaim 216, § 2, den der Talmud, Berachoth 43a, bereits genau kennt, obschon desselben, wie Lewysohn, Zoologie des Talmuds 118*), richtig bemerkt, bis zum 11. Jahrhundert weder bei einem griechischen, noch bei einem arabischen Schriftsteller Er- Mahnung geschieht, findet sich zum Theil bei Aruch, s. v. משק, und Raschi 1. c. das richtige. Es kann also keineswegs beftemden, wenn ״einige Rabbinen" hierüber nicht ganz correcte Vorstellungen hatten. Viel wichtiger ist der 3te Punkt, der eben ein interressantes Thema berührt, das gerade in jüngster Zeit die Aufmerksamkeit ernster Forscher auf sich gezogen und wovon dem Adepten an der Theiß nicht das geringste *) Eine falsche Lesart in unseren Talmudausgaben hat Lewysohn zu der irrigen Übersetzung הוא N'N חוץ סמושק שטן, Oel, Fettigkeit eines Thieres, verleitet. Aruch hat aber die richtige Lesart: שמץ חיה, der Moschus ist eine Thierart und gehört nicht zum Pflanzengeschlechte. Siehe Dikduke Softim von Rabinowitz, dem die Lesart des Aruch auch entgangen ist.