Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 18 (1869)
- Issue
- Heft 2
- Article
- Zum Jubiläum der Cultusreform
- Date
- 1869-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2829132-2829374-2829377-2864112--11847-2864173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Erster Artikel. Reform und Reformschwindel. 87 miß ein Martyrium nicht scheuen, als er vermöge der Tiefe und des Dranges seiner Ueberzeugung nicht anders, als er handelt, handeln kann. Das war immer so und wird — mutatjs mutandis — in Ewigkeit so bleiben. Kampf und Martyrium machen erst den Reformator! Wer weiß, was aus dem Christenthum geworden wäre, wenn man Jesus nicht gekreuzigt hätte? Die Welt glaubt an keinen billigen Reformator; er muß es sich Etwas kosten lasten! Haben das unsere Reformatoren nicht gemußt? Ob sie das gewußt haben! Wie nett haben sie sich auch das obligate Martyrium besorgt! Freilich nicht etwa das eines Huß, — das hatten und haben sie Gott sei Dank nicht nöthig. Das wäre auch zu ernst und zu riskant. Nein, sie richteten sich ein modernes Martyrium zu, sie ließen sich von einigen allzu ängstlichen alten Rabbinern — inter paristes in ״Cherem" legen! klaudite amivi! Das ist doch etwas! Das steht einem Reformator so gut, das läßt ihn doch als ein ״Opfer" erscheinen und — hindert nebenbei die Entwickelung eines Embonpoints und den Genuß einer behaglichen Stellung nicht; aber immerhin, wenn man den grandiösen Muth hat, einen solchen geräuschlosen Cherem zu ertragen, dann hat man doch — Muth und wenn man Muth hat, da hat man doch eine Ueberzeugung, für die man als ״Opfer" einsteht, und wenn man eine Ueberzeugung hat, da ist man doch auch ein Reformator! O, der armen ״Schlacht-Opfer"! Welche Martyrologien wird man dereinst in Israel über diese Reformperiode zu singen und zu sagen haben! Schade nur, daß die ״alten" Rabbiner, die schüchternen Bannstrahlschmetterer, aussterbeu! Wan sollte sie eigens hegen und pflegen, damit sie für etwaige künftige Reformatoren die Märtyrerkronen bereiten und Scenen ä la Uriel Acosta vorstellen, von deren dunkeln Hintergründe aus die Reformationstragödie der Zukunft sich um so glänzender abhübe. ״Bah!" stände dann ein zukünftiges Geschlecht mit offenem Munde vor dem wundervollen Effektstück. Das gäbe doch wenigstens ein Melodrama und ließe sich gut ansbeuten. Es gäbe einen neuen Reiz, um die Jdolenz, die gelangweilt und blasirt ist, recht aufzurütteln! — Und die Religion, und.die Frömmigkeit, und die warnte Innigkeit, die aufrichtige Gesinnung und der religiöse Ernst? —■ Was bedarf es dieser abgestandenen, ,des Cultur-Jahrhunderts un-